Ein Bericht von Prof. Dr. Wolfgang Hepp, ehem. Leiter des Fachbereiches Gefäßchirurgie des St. Josef Krankenhauses in Haan und Maria Schulz, Leiterin der Selbsthilfeorganisation „Amputierte e.V.“ in Wermelskirchen.
In Deutschland gibt es kein Amputationsregister, insofern liegen exakte Zahlen zur Häufigkeit von Amputationen nicht vor. Man kann nur von Schätzungen ausgehen, die von ca. 25.000 Amputationen bis hin zu 61.000 pro Jahr liegen. Aus diesen Zahlen lässt sich weder eine Differenzierung in Amputationsformen oder -ursachen ablesen. Man kann aber sicher davon ausgehen, dass mindestens 80 Prozent der Amputationen auf arterielle Durchblutungsstörungen und/oder den diabetischen Fuß zurückzuführen sind, wobei letzterer deutlich überwiegt.
Einer Untersuchung in der 90er Jahren zufolge nahmen die Amputationen bei Diabetikern innerhalb von fünf Jahren um fünf Prozent zu. Im Gegensatz dazu ergab eine Untersuchung von 1990-2005 einen Rückgang der Amputationen bei Diabetikern um 37,1 Prozent. Bei Nichtdiabetikern blieben die Zahlen unverändert. Dies wurde auch vereinzelt aus diabetologisch hochspezialisierten Arbeitsgruppen berichtet. Damit ist man flächendeckend, zumindest in Deutschland, weit von der Forderung der Deklaration von San Vincente 1989 entfernt, innerhalb von fünf Jahren die Amputationshäufigkeit beim Diabetiker um 50 Prozent zu senken.
Über die Ursachen lässt sich weitgehend nur spekulieren. Mitschuldig sind aber sicher die zahlenmäßige Zunahme des Diabetes mellitus, unzureichende Prophylaxe und Behandlung, zu späte Vorstellung beim Spezialisten (Diabetologe, Podologe, Gefäßchirurg u. a.) oder Defizite in der Wundversorgung.
Selbsthilfegruppen leisten Aufklärung für Betroffene und versuchen dadurch, Ursachen und Folgen zu verbessern. Die Selbsthilfegruppen für Amputierte in Deutschland stecken noch in den Kinderschuhen. Die erste Selbsthilfegruppe wurde 1988 als nicht eingetragener Verein in Dreieichenhain gegründet. Die etwa 35 Gruppen, die es inzwischen gibt, haben zwischen drei und 120 Mitglieder und leisten echte Pionierarbeit. Neben den meist monatlichen Gruppentreffen organisieren manche auch Präsentationen oder nehmen an Lokalveranstaltungen mit Wettbewerben teil, um auf die eigene Gruppe aufmerksam zu machen. Teilweise haben sie Besuchsdienste in Krankenhäusern organisiert, um ‚Frischamputierte’ in das Selbsthilfenetz einzubinden. Jedes Treffen, jede Feier, jeder Ausflug, kurz: jeder Kontakt hält den Amputierten in der Gesellschaft und im Leben. Aber auch die Beratung Amputationsbedrohter und deren Zuweisung in entsprechend qualifizierte Ambulanzen und Kliniken gehört zu den Aufgaben der Gruppen, ist es doch häufig möglich, Amputationen zu vermeiden, hinauszuschieben oder auf ein tieferes Niveau zu verlagern.
Wenn es auch noch viel zu wenige organisierte amputierte Menschen gibt, lässt doch die Zunahme der Gruppen für die Zukunft Gutes ahnen. Langsam bildet sich ein Netzwerk für Amputierte, auf dem ein gemeinsames Selbstverständnis für sie wachsen kann. Die Vision der Autoren liegt bei 1.000 Selbsthilfegruppen in Deutschland. Erst bei dieser Anzahl wird es allen Amputierten möglich sein, regelmäßig an einem Erfahrungsaustausch teilzunehmen.
Eine zeitlich nähere Vision ist ein Zusammenschluss der Selbsthilfegruppen, die durch die Vielzahl der Köpfe Lobbyarbeit leisten können z. B. durch Petitionen zur Einführung eines deutschlandweiten Amputationsregisters. Die daraus ableitbaren statistischen Parameter wären ein Meilenstein, um Amputationen zu verhindern oder nach weiter peripher oder gar in den Fußbereich zu verlagern.
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