Die Angehörigen

Die Rolle der Angehörigen bei einer Amputation

Interview mit Magdalena Mitterhuber

Für viele bricht zunächst eine Welt zusammen: Wo vorher noch zahlreiche Ziele für die Zukunft gesteckt wurden, findet man sich am Rande eines Abgrundes wieder. Dass man diesen Abgrund überwinden kann, haben uns schon viele Menschen gezeigt, die im stolperstein vorgestellt wurden.

Aber wie geht es eigentlich den Angehörigen dabei? Wie gehen sie mit diesem sensiblen Thema um? Was können sie tun, um eine Stütze zu sein und um vor dem Fall in das schwarze Loch zu bewahren? Magdalena Mitterhubers Vater wurde durch einen tragischen Unfall amputiert. stolperstein traf die junge Frau, Magdalena Mitterhuber, aus Kirchdorf an der Krems in Österreich: Sie ist diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester und setzte sich im Rahmen Ihrer Fachbereichsarbeit intensiv mit dem Thema Amputation auseinander.

Magdalena, Ihr Vater wurde amputiert. Wie ist das passiert? Wie haben Sie diese Nachricht damals aufgefasst?

Mein Vater wurde 2007 aufgrund eines Motorradunfalls amputiert. Er schlitterte gegen einen Leitschienensteher und das nachkommende Motorrad trennte ihm sein linkes Bein ab. Die Nachricht überbrachte mir meine Mutter einige Stunden später. In dem Moment hatten wir nur uns drei: Meine Mutter Hildegard, meine Schwester Johanna und ich, nur mit der einen Information, dass ein Bein sehr stark verletzt war und man nicht sagen könne, ob man es retten kann. Wir waren geschockt, aber wir wollten ihn natürlich sofort besuchen. So fuhren meine Mutter, meine Schwester und ich noch am selben Abend ins ca. eine Stunde entfernte Unfallkrankenhaus. Dort konnte uns niemand etwas sagen, da die Ärzte noch operierten. Wir hatten ja keine Ahnung, dass mein Vater gerade um sein Leben kämpfte! Es blieb uns also nichts anderes übrig, als ohne weitere Information nach Hause zu fahren. Wir hielten telefonisch Kontakt mit dem Krankenhaus. Wir wussten nicht, wie es ihm geht, aber ich habe gebetet und geweint, dass er es schafft. Am nächsten Tag, nachdem wir drei wieder meinen Vater besuchten und erfuhren, dass das Bein nicht mehr angenäht werden konnte, recherchierte ich sofort im Internet und suchte nach Informationen über Prothesenversorgung und Einschränkungen, die im Alltag auf ihn zukommen würden.

In Ihrer Fachbereichsarbeit erwähnen Sie immer wieder, dass es notwendig ist, auch Angehörige ausreichend zu informieren. Wie war das bei Ihnen? Wer hat Sie aufgeklärt?

Die Tatsache, dass mein Vater amputiert war, erfuhren meine Mutter, meine Schwester und ich vom Intensivpflegepersonal. Wir erhielten jedoch keine Information über das, was auf uns zukommen würde, sprich Prothesenversorgung, Phantomschmerzen und die Zukunft im Allgemeinen. Ich wollte alles über die Zukunft mit Oberschenkelprothese wissen und recherchierte selbst im Internet, um auch meinen Vater später informieren zu können.

Sie halten es für notwendig, dass auch Angehörige psychologisch betreut werden. Wie könnte das Ihrer Meinung nach genau aussehen?

Nach der Amputation sollte gleich ein Gespräch nur mit den Angehörigen, einem außenstehenden Betroffenen und einem Psychologen stattfinden. Darin können Angehörige über ihre Ängste und Sorgen sprechen, ohne Rücksicht auf den Betroffenen nehmen zu müssen. Im Gespräch können sie den anderen Betroffenen fragen, wie die Zukunft mit Prothese aussehen kann. Der frisch Amputierte selbst sollte Einzelgespräche mit einem Psychologen erhalten. Nach einiger Zeit ist meiner Meinung nach ein gemeinsames Gespräch mit Angehörigen, Betroffenen, Psychologen und anderen Betroffenen sinnvoll, um weitere anfallende Fragen zu beantworten.

Wie standen Sie Ihren Vater in schweren Momenten bei?

Vor allem anfangs haben meine Mutter, meine Schwester und ich ihn sofort mit Informationen versorgt und ihm berichtet, was wir alles im Internet recherchiert haben. Wir erzählten ihm, dass man auch mit Oberschenkelprothese rollerskaten, Wasserski fahren, Auto fahren, Motorradfahren, etc. kann. Wir wollten ihm von Anfang an Perspektiven aufzeigen, dass Amputation nicht im Rollstuhl oder in Pflegebedürftigkeit endet. Wir versuchten, ihm Mut zu machen, dass er alles erreichen könne, was er nur will.

Wie hat neben Ihnen Dreien der Rest der Familie reagiert? Gab es Menschen, die auf Abstand gingen, weil sie mit der Situation nicht klar kamen?

Wir waren alle schockiert, aber jeder hat für sich die Situation verarbeitet. Unsere Freunde und Verwandte haben Hilfe angeboten, uns besucht und gefragt, wie es uns geht. Menschen, die mit der Situation nicht klar kommen, sollten sich informieren, egal worum es sich handelt. Diese Menschen wissen oft nicht, was sie erwartet und gehen deswegen auf Distanz. Sie sollen vorbereitet sein auf das, was sie erwartet. Ich glaube auch, dass für die Gesellschaft das Thema Amputation noch ein Tabuthema ist. Die Gesellschaft muss darüber informiert werden.

Im Rahmen Ihrer Ausbildung zur Krankenschwester haben Sie Ihre Fachbereichsarbeit zum Thema „Traumatische Oberschenkelamputation- Ende oder Neuanfang?“ geschrieben.

Ich wollte über ein Thema schreiben, dass mich interessiert. Bei den Recherchen für meinen Vater fiel mir auf, dass es wenige Informationsquellen gibt und das wollte ich ändern. Ich wollte auch anderen frisch Amputierten Mut machen, dass sie von Anfang an Hoffnung haben und eine Perspektive sehen. Gerade die erste Zeit nach dem Unfall ist tragisch und traurig. Ich möchte diesen Menschen zeigen, dass sie wieder sehr viel erreichen können. Vor allem aber möchte ich verhindern, dass frisch Amputierte in ein schwarzes Loch fallen, wenn ihnen jegliche Perspektive fehlt.

Was raten Sie Menschen, deren Angehöriger ein ähnliches Schicksal erleidet? Wie geht man als Angehöriger am Besten damit um?

Das Wichtigste ist, sich zu informieren, sowohl für sich selbst als auch für den Betroffenen. Außerdem muss man Mut machen und Hoffnung schenken, auch wenn es nicht immer leicht fällt in dieser Situation. Man sollte Ängste offen ansprechen, auch der Betroffene hat Ängste und Sorgen. Man sollte sich trauen, darüber zu reden, denn es wird den Meisten ähnlich gehen. Die Situation ist sehr schwer für alle Beteiligten, doch ohne Perspektiven für die Zukunft fällt es einem nicht leicht, die Amputation anzunehmen und mit ihr zu leben. Vor allem die Information von anderen Amputierten, wie sie ihren Alltag meistern, was sie alles machen können, hilft weiter. Der Austausch ist sehr gut, da der frisch Amputierte über seine Ängste reden kann und direkt jemanden mit ähnlichem Schicksal gefunden hat – solche Kontakte herzustellen ist eine wichtige Sache.

Was haben Sie persönlich aus der Situation mitgenommen?

Das Leben ist nicht zeitlos und man sollte immer versuchen, aus jedem Tag das Beste herauszuholen. Ich genieße das Leben viel bewusster seit dem Unfall, denn ich weiß, wie schnell es vorbei sein kann und bin dankbar für meine Familie und Freunde, die ich jetzt noch mehr zu schätzen weiß.

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