Thomas Schäfer

Die rasanteste Prothese Deutschlands

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Thomas Schäfer

Am liebsten ist er mit dem Mountainbike unterwegs.

Er ist Prothesenträger. Er ist Fahrradkurier. Und er ist fahrradverrückt. Thomas Schäfer hat von Geburt an eine Fehlbildung am rechten Unterschenkel und trägt eine Beinprothese – aber das ist für ihn kein Grund, das Fahrrad stehen zu lassen.

Hallo Herr Schäfer, sind Sie heute schon Fahrrad gefahren?
Ja. Jede andere Antwort wäre wahrscheinlich ungewöhnlich gewesen. Aufgrund meines Sports und meiner Arbeit sitze ich fast täglich auf dem Rad.

Sie arbeiten als Fahrradkurier und in Ihrer Freizeit nehmen Sie an Wettkämpfen mit dem Mountainbike teil. Wie sind Sie dazu gekommen?
Während des Abiturs wollte ich mir etwas Geld verdienen und bin dann durch einen guten Freund zum Kurierfahren gekommen. Nachdem ich meine Ausbildung zum Bürokaufmann beendet hatte, bin ich dann vollständig als Fahrradkurier eingestiegen. Zu meinen Aufgaben gehörte auch das Anlernen neuer Fahrer. Eines schönen Tages brachte ich wieder einem Neuling eine meiner Touren bei. Schon bei der ersten Fahrt stellte sich heraus, dass wir ähnliche Interessen verfolgen (Mountainbike fahren zählte auch dazu). Schnell entwickelte sich eine gute Freundschaft. Heute ist Gerald Klocke mein Trauzeuge, Trainer und ein enger Vertrauter. Irgendwann fragte er mich, ob ich auch mal an einem Wettkampf teilnehmen möchte. Nachdem ich an zwei Rennen in der Region teilgenommen hatte, stand der Entschluss fest, dieses Vorhaben zu intensivieren.

Wie erfolgreich sind Sie im Radsport? Und welche Ziele haben Sie vor Augen?
Die vergangenen zwei Jahre sind sehr erfolgreich verlaufen. Dazu zählen zahlreiche Siege, Podiumsplätze und Top-Ten Platzierungen bei regionalen und überregionalen Veranstaltungen. Mein bisher größter Erfolg war der Gesamtsieg in der Handicap Wertung bei der Rocky Mountain Marathon Serie 2009. Diese Serie beinhaltet vier Mountainbike Rennen in Deutschland, Österreich und Italien. Mit den Ergebnissen bei den Deutschen Meisterschaften (56.) und der 24h Weltmeisterschaft (7. im Viererteam) bin ich sehr zufrieden. Natürlich möchte ich die Ergebnisse in der kommenden Saison wiederholen. Mein großes sportliches Ziel ist die Teilnahme an den Paralympics 2012 in London.

Welche Rolle spielt es beim Sport, dass Sie eine Beinprothese tragen?
Keine übergeordnete Rolle! Dieser Zustand ist für mich „normal“, ich kenne es nicht anders. Ich habe bereits viele Sportarten betrieben wie z. B. Fußball, Snowboarden, Handball, Judo und noch einiges mehr. Die Prothese war nie der begrenzende Faktor.

Wie reagieren andere Sportler auf Ihre Behinderung?
Anfangs sind Sie vorsichtig und scheu. Es wird geschaut und vorsichtig gefragt, was mir denn widerfahren sei. Spätestens im Wettkampf wird dann die Scheu abgelegt, wenn sie merken, was mit harter Arbeit und großem Ehrgeiz auch trotz einer Behinderung möglich ist. Ich versuche durch Leistung zu überzeugen. Mitleid mag ich nicht.

Sie tragen eine spezielle Prothese bei Wettkämpfen: Erzählen Sie uns davon.
Diese Prothese ist in langjähriger Zusammenarbeit mit dem Sanitätshaus Färber in Bad Harzburg entstanden. Dank der akribischen Arbeit von Steffen Färber stehen mir jederzeit hochwertige Prothesen zur Verfügung, die mir die Ausübung meines Sports sowie auch das Alltagsleben erleichtern. Meine Wettkampfprothese besteht aus einem Karbonschaft mit einem medi Karbonprothesenfuß. Die gesamte Konstruktion ist sehr leicht und stabil.

Und wie sind Sie im Alltag versorgt? Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre ersten Prothesen denken?
Im Alltag trage ich zwei weitere Prothesen derselben Bauart. Die heutigen Prothesen sind nicht vergleichbar mit denen von vor 15 Jahren. Bis zum 10. Lebensjahr musste ich eine Prothese bis zur Hüfte tragen. Mein rechtes Bein war steif gestellt. Eine Beugung im Knie war nicht möglich. Mit der Wende erfolgte der Wechsel zum Sanitätshaus Färber. Ich bekam eine Prothese bis zum Knie. Eine Beugung des Knies war fortan möglich. Nach einer kurzen Rehaphase war ich nun in der Lage auch sportlich aktiv zu werden. Meine ersten beiden Prothesen sind beim Sport in der Mitte durchgebrochen. Ich möchte den Zustand heute als perfekt bezeichnen. Herr Färber versucht dennoch bei jeder weiteren Prothese den Zustand zu optimieren.

Wie gut kommen Sie im Alltag mit Ihrer Behinderung klar – gibt es Menschen, die komisch reagieren? Oder wie reagiert die Mehrheit auf Ihren offenen Umgang damit?
Ich denke sehr gut. Ich schaffe es, mein Handicap mit Arbeit, Sport und Alltag zu verbinden. Ich habe bisher keine Einschränkungen, die mich daran hindern mein Leben zu leben. Meine Familie unterstützt mich in allen Belangen (Dank an meine Frau Laura und an meinen Sohn Lucas). Es gibt immer Menschen, die komisch reagieren. Mein Rezept dafür lautet Gelassenheit, da ich es sowieso nicht ändern kann. Die Mehrzahl der Menschen tritt mir gegenüber aber eher positiv auf.

Kennen Sie andere Beinamputierte und woher? Tauschen Sie sich mit anderen Prothesenträgern aus, und worüber?
In meinem direkten Umfeld nicht. Auf Wettkämpfen unterhalte ich mich mit Mitstreitern und Gegnern über die sportliche Situation und über persönliche Dinge.

Auf der Messe Orthopädie+Reha-Technik sind Sie das erste Mal für medi Prothetik im Einsatz. Wie sind Sie zu medi gekommen und warum passen Sie gut zur Firma?
Den Tipp bekam ich von meinem Sanitätshaus, das bereits mit medi zusammen arbeitet. Zu Beginn der Saison befand ich mich auf der Suche nach Sponsoren, die bereit sind mich auf meinem sportlichen Weg zu unterstützen. Der Kontakt kam schnell zu Stande und nach den ersten Gesprächen und Treffen war mir klar, dass medi der perfekte Partner für mich ist. Ich passe gut zu medi, weil ich in der Lage bin, trotz Handicap, ein normales Leben zu führen. Genau diese Normalität möchte medi repräsentieren.

Im Vorfeld haben Sie unter anderem einen Prothesenschuh medi powered by Dachstein und die CEP-Sportsocken getestet. Wie ist Ihr Urteil? Kamen die Kompressionssocken denn schon bei einem Rennen zum Einsatz?
Beiden Dingen stand ich anfangs eher skeptisch gegenüber. Beim Thema Schuh bin ich eher der „Sneakertyp“, dennoch hat der medi Schuh powered by Dachstein einen festen Platz unter meinen Schuhen gefunden. Er ist angenehm zu tragen und hat eine hervorragende Passform. Die CEP-Sportsocken benutze ich überwiegend beim Training und für die nachfolgende Regeneration. Da ich mich momentan noch in der Saisonvorbereitung befinde, war noch kein Test während eines Rennens möglich. Aber die Socken werden ihre Chance noch bekommen.

Welche weiteren Aktionen sind in der Zusammenarbeit mit medi geplant?
Eine genaue Planung gibt es noch nicht. Im Jahr 2010 werde ich medi unter anderem für Messen, Promotiontermine und Prothesentestläufe zur Verfügung stehen. Mein Ziel ist es, die Arbeit mit medi weiter zu intensivieren. medi und Thomas Schäfer passen gut zusammen und beide können von einer erfolgreichen Zusammenarbeit profitieren. Ich freue mich jedenfalls sehr auf die kommenden Monate und bin gespannt, was mich da so noch erwartet.

Und was haben Sie persönlich für Ihre Zukunft geplant?
Momentan steht Planung erst an 2. Stelle. Im Vorfeld dieser Saison habe ich sehr viel Zeit mit Planung und Koordination verbracht, um mein sportliches Umfeld zu verbessern. Es gab berufliche und persönliche Veränderungen. Jetzt steht meine Familie an erster Stelle und ich möchte mehr Zeit mit meiner Frau und meinem Sohn verbringen. Ach ja, und trainieren und Rad fahren muss ich ja auch noch…. ;-).

Viele Menschen können mit ihrer Behinderung leider nicht so positiv umgehen wie Sie. Welchen Rat können Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben, z. B. als Lebensmotto?
„Mitleid ist umsonst – Neid muss man sich verdienen!“ Diese Aussage geht mir immer durch den Kopf wenn ich auf mein Rad steige. Es ist schwer, einen Ratschlag zu geben, aber mit Willen, Ehrgeiz und Lebensmut meistert man beinahe jede Situation.

Vielen Dank für das Interview!