Autofahren mit Beinamputation

Autofahren mit Beinamputation

Aber ja! Thomas Rauch ist seit seiner Geburt beidseitig beinamputiert.

Als begeisterter Autofan dachte er zu keinem Zeitpunkt darüber nach, vielleicht nicht fahren zu können. Mit außergewöhnlichen individuellen Fähigkeiten, starkem Willen und Mut fährt er heute ein normales Automatikfahrzeug. Ein Einzelfall und eine erstaunliche Geschichte zugleich.

Erste Erfahrungen mit dem Fahren machte der passionierte Motorsportfan bereits im zarten Alter von zwölf Jahren – und zwar auf der Gokart-Bahn. Bei einem Wettrennen mit einem Freund, der 2008 Gesamtsieger der Mini-Challenge wurde und inzwischen erfolgreich im ADAC Masters aktiv war, konnte er das Rennen sogar knapp für sich entscheiden. Zudem verbucht Thomas Rauch die Teilnahme am Qualifying für eine Wildcard zum 24-Stunden Kartrennen in Leipzig. Autos und Motorsport sind für Thomas schon von klein auf ein ganz besonderes Hobby. Sein größter Wunsch wäre es, richtig in den Rennsport einzusteigen.

Gewöhnliches Autofahren ist deshalb für Thomas Rauch eine absolute Normalität. Mit seiner linken Unterschenkelprothese bedient er die Bremse, mit seiner rechten Beinprothese das Gas seines Automatikfahrzeugs.

Führerschein mit Prothese

Der Weg zum Führerschein war für Thomas Rauch zunächst mit kleineren Hürden verbunden. So fragte der Fahrlehrer am Telefon anfangs verblüfft: „Wie soll jemand Autofahren lernen, gänzlich ohne Beine?“ Dennoch neugierig, vereinbarte die Fahrschule mit Thomas einen Termin, denn auf die Ausbildung von Fahrern mit Handicap spezialisiert und ausgerüstet mit einem Automatikfahrzeug, wollte die Fahrschule Thomas in jedem Fall eine Chance geben. Auch dann, wenn es sich um den ersten Fahrschüler handelte, der beidseitig beinamputiert war. Das erste Treffen fand dann schließlich auf einem Parkplatz statt. Erste Tests wie z. B. eine Vollbremsung sowie Tests zu Thomas’ Reaktionsfähigkeit überzeugten den Fahrlehrer in kürzester Zeit davon, dass sein Schüler durchaus in der Lage war, fahren zu lernen. Umgehend wurde ein Termin mit dem TÜV vereinbart, um ein technisches Gutachten erstellen zu lassen. Zwischenzeitlich gab die Fahrschule Thomas die Möglichkeit, sich innerhalb von fünf weiteren Fahrstunden an den Straßenverkehr sowie an das Auto zu gewöhnen.

Das technische Gutachten – kein einfaches Unterfangen

Unter dem Motto „Man kann alles schaffen – nur kopflose Menschen können nichts“ bestreitet Thomas Rauch seinen Alltag wie jeder andere Mensch auch. Zu keiner Zeit fühlt er sich „behindert“ und nimmt immer wieder neue Ziele in Angriff. Mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen verrät er uns, dass seine Unternehmungslust und sein Mut schon für manch graues Haar seiner Eltern sorgten. Dennoch, Thomas geht seinen Weg und erreicht seine Ziele.

Auch auf dem Weg zur technischen Prüfung für die Erstellung des Gutachtens war Thomas voller Motivation und Elan. Was sollte schon schief gehen? Er hatte ja mit seinem Fahrlehrer im Vorfeld erfolgreich geübt. Was ihn dann jedoch erwartete, lässt sich nur mit dem Begriff der „Engstirnigkeit“ vergleichen. Ohne auch nur in den Wagen einzusteigen, entschied der TÜV-Prüfer, dass Thomas „in diesem Zustand“ auf keinen Fall Autofahren dürfe, es sei denn, Handgas käme für ihn in Frage. Sämtliche Überzeugungsversuche seitens des Fahrlehrers und von Thomas selbst schlugen fehl und Thomas verließ geknickt das Prüfinstitut – ohne Gutachten. Ein herber Schlag der Bürokratie, der einen großen Traum zunächst zerplatzen ließ. Thomas Rauch wäre aber nicht er selbst, wenn er sich mit dieser kurzsichtigen Entscheidung zufrieden gegeben hätte. Umgehend wandte er sich an den Chefredakteur des Magazins HANDICAP, Herrn Gunther Belitz, selbst beinamputiert.

Thomas schilderte ihm sein Anliegen und bekam den Tipp, sich an einen Fahrzeugumrüster bei Fulda zu wenden. Dort sei des Öfteren ein Experte des TÜV Nord zu Gast und erteile eben solche technischen Gutachten. Sofort vereinbarte Thomas Rauch einen Termin und fuhr mit seinen Eltern nach Fulda. Ebenfalls zunächst skeptisch, wie Thomas eine Kupplung bedienen wolle, klärte dieser ihn auf, dass ein Automatikfahrzeug völlig ausreichend sei. Nach einigen Tests hinsichtlich Bremstüchtigkeit und Reaktionsfähigkeit im Simulator, stellte der Prüfer das Gutachten ohne weitere Rückfragen aus – Thomas stand jetzt nichts mehr im Wege! „Ich bin Herrn Belitz von der Zeitschrift HANDICAP heute noch unendlich dankbar, dass er mir diesen Tipp damals gegeben hat. Ohne diesen Hinweis hätte ich das Gutachten sicher nicht bekommen und es war mir so wichtig, Autofahren zu dürfen. Auch mit Prothese habe ich die nötige Kraft, um beispielsweise eine Vollbremsung auszuführen. Ich muss dabei nicht einmal auf die Pedale sehen. Deshalb habe ich das technische Gutachten bekommen“, erklärt Thomas. Falls Thomas einmal von der Polizei gestoppt wird, hat er zusätzlich zu seinem Führerschein auch noch ein Beiblatt. Es gibt genaue Auskunft darüber, welches Handicap Thomas hat und welche Fahrzeuge er bedienen darf. „Bisher wurde ich ja noch nicht gestoppt, aber da wird der ein oder andere Polizist sicher Augen machen“, grinst Thomas und spielt dabei auf die Reaktionen anderer Menschen an. Diese können es manchmal gar nicht fassen, dass Thomas zwei Beinprothesen trägt und trotzdem so gut fahren kann. Bei einem Fahrsicherheitstraining des ADAC staunte der Trainer am Ende nicht schlecht, als er auf die Frage warum Thomas hinke, zwei Prothesen gezeigt bekam! Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Thomas sicherlich durch seine besonderen Fähigkeiten als Einzelfall ein Automatikfahrzeug betreiben kann.

Thomas fährt täglich rund 40 km mit dem Auto zur Arbeit und ist auch in seiner Freizeit viel als Fahrer unterwegs. Selbst lange Strecken in den Urlaub (500 km und mehr) sind für ihn kein Problem. Ausgerüstet mit einem Tempomat kann Thomas sein Bein zwischendurch auch etwas entlasten. Im Großen und Ganzen ist das Autofahren für Thomas nicht anstrengender als für Menschen ohne Amputation.

„Ich möchte allen Beinamputierten an dieser Stelle mitgeben, wirklich niemals aufzugeben und sich nicht von ersten Hürden demotivieren zu lassen.

Denkt an mein Motto: Man kann alles schaffen – nur Kopflose schaffen nichts!

Dieser Spruch begleitet mich durch mein Leben und gibt mir immer wieder Kraft. Vielleicht können meine Erfahrungen anderen Menschen Mut machen“, schließt Thomas Rauch unser Gespräch ab.

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