Andreas Kurz – Jeder braucht Ziele in seinem Leben

Die Paralympics im Kopf

Die Orte Schwarzach im Pongau, Bad Hofgastein und Pyeongchang bringen wahrscheinlich die wenigsten Menschen miteinander in Verbindung. Für den Österreicher Andreas Kurz, der seit seinem 16. Lebensjahr unterschenkelamputiert ist, bedeuten sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Geboren am 31. Januar 1986 in Schwarzach im Pongau, lebt er heute im rund 25 Kilometer entfernten Bad Hofgastein. Sein großes Ziel liegt rund 8.600 Kilometer Luftlinie von seinem Wohnort entfernt. Es ist das südkoreanische Pyeongchang, Austragungsort der Paralympischen Winterspiele 2018. Andreas Kurz will sich für die „stehenden“ Disziplinen Super G und Riesenslalom qualifizieren. Ein weiter Weg, der zahlreiche Herausforderungen bereithält.

Damit unsere Leser Sie näher kennenlernen, würden wir gerne 13 Jahre in Ihrem Leben, bis zur Amputation, zurückgehen. Was war dafür die Ursache?

Die Ursache war ein Autounfall im Januar 2002. Wir waren zu dritt auf dem Weg zur Berufsschule. Ein entgegenkommender Lastwagen fuhr zu sehr auf unsere Seite, so dass der Fahrer ausweichen musste und wir ins Schleudern kamen. Ein Pfahl von den Leitplanken hat mir beim Aufprall den Unterschenkel abgetrennt. Meine beiden Freunde wurden glücklicherweise nur leicht verletzt.

Können Sie sich noch an die Zeit im Krankenhaus erinnern?

So etwas vergisst man natürlich nicht. Insgesamt wurde ich in vier Wochen fünfmal operiert und war zwei Monate im Krankenhaus. Was mir in der Zeit sehr geholfen hat, war, dass der verantwortliche Arzt mein damaliger Nachbar gewesen ist. Er hat mich super betreut und immer über die einzelnen Behandlungen informiert. Mir war aber schnell klar, dass mein Unterschenkel nicht zu retten sein wird.

Wie haben Sie die ersten Schritte mit Prothese empfunden?

Dadurch, dass es rund drei Monate gedauert hat, bis ich das erste Mal mit Prothese gehen konnte, war die Vorfreude riesig. Als ich dann die ersten Schritte gegangen bin, war das ein ganz besonderer Moment.

Wie lange haben Sie gebraucht, um die Prothese zu akzeptieren?

Nach den ersten Schritten habe ich gefühlt, dass trotz der Prothese wieder einiges möglich sein wird. Natürlich ist eine Amputation nichts Schönes. Aber für mich war eigentlich schnell klar, dass ich mich dadurch nicht hängen lassen werde. Außerdem war ich froh, dass dieser Unfall mir passiert ist und nicht jemandem aus meiner Familie oder meinem Freundeskreis. Es hört sich vielleicht komisch an, aber ich habe mir gedacht, wenn einer diese Situation meistert, dann bin ich das. Es wäre für mich viel schlimmer gewesen, wenn einem meiner beiden Brüder oder meiner Schwester der Unfall passiert wäre.

Was waren und sind für Sie die größten Herausforderungen im Alltag mit der Prothese?

Im Prinzip war es nur die anfängliche Gewöhnungsphase an die Prothese. Heute, 13 Jahre danach, ist es höchstens eine Herausforderung, wenn ich eine Entzündung im Stumpf habe. Ansonsten stehe ich im Alltag mit meiner Unterschenkelprothese vor keiner großen Herausforderung.

Sie haben vor dem Unfall viel Sport betrieben. Hatten Sie jemals Zweifel, wieder so aktiv sein zu können?

Nein. Irgendwie war für mich klar, dass ich wieder sehr aktiv sein werde. Allerdings war mir in den ersten Jahren nach der Amputation der Abschluss meiner Lehre als Installateur wichtiger als der Sport. Ich hatte damals ja noch vier Jahre Ausbildung vor mir.

Als Installateur mit Unterschenkelprothese zu arbeiten klingt schwierig bis unmöglich.

Unmöglich ist es nicht. Ich habe fünf Jahre lang gerne in dem Beruf gearbeitet.

Warum haben Sie sich 2006 für einen anderen Beruf entschieden?

Die Umschulung zum Bürokaufmann habe ich vor allem aus zwei Gründen gemacht. Einerseits wäre es sicherlich schwierig geworden, bis zur Pension mit Prothese als Installateur zu arbeiten. Zum Zweiten wollte ich mehr Sport machen. Als Installateur war meine Freizeitgestaltung sehr eingeschränkt. Um mit meinem Stumpf am Montag für die Arbeit wieder fit zu sein, habe ich beispielsweise am Wochenende auf das Ski-fahren verzichtet. Das wollte ich auf Dauer nicht.

Stichwort „Skifahren“. Wann sind Sie nach Ihrer Amputation wieder Ski gefahren?

2007 stand ich erstmals wieder auf Skiern.

Gab es dafür einen bestimmten Auslöser?

Da mein Unfall von der Versicherung als Arbeitsunfall gewertet wurde, hat mich der Vertreter darauf aufmerksam gemacht, dass es einen Verein für Behinderte gibt. Er hat den Kontakt zum Landesreferenten vom Behindertensport in Salzburg hergestellt. Im Winter 2007 habe ich dann einen Skikurs für Amputierte beim Skiclub für Behinderte in Salzburg gemacht.

Und seit wann nehmen Sie an Skirennen teil?

Das erste Rennen bin ich 2008 bei den Landesmeisterschaften gefahren. Seitdem versuche ich mich technisch und konditionell stetig zu verbessern.

Was treibt Sie an, Rennen zu fahren?

Es ist die Lust am Wettkampf. Sich mit anderen messen und Rennen zu gewinnen macht mir einfach großen Spaß. Früher bin ich keine Rennen gefahren, aber durch die Amputation hat sich da wirklich eine neue Türe aufgetan.

Was waren bisher Ihre größten Erfolge?

In der Saison 2014 / 15 habe ich in der Europacup-Gesamtwertung im Riesenslalom den 9. Platz erreicht. In der Saison zuvor war es der 3. Platz bei den Österreichischen Meisterschaften im Super G im Lachtal (Steiermark). Das war auch der Moment, in dem ich mir das Ziel Paralympics 2018 gesetzt habe.

Ein großes Ziel!

Sicher, aber deshalb richte ich ja auch mein privates und berufliches Leben für dieses Ziel neu aus.

Wodurch unterscheidet sich Ihre Ski-Ausrüstung von der eines gesunden Skiläufers?

Eigentlich gar nicht. Ich fahre mit Unterschenkelprothese mit zwei ganz normalen Skiern.

Sie haben vom Ziel „Paralympics 2018“ gesprochen. Wie wichtig sind Ihnen Ziele im Leben?

Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch Ziele in seinem Leben braucht. Man sollte diese auch ehrgeizig verfolgen, ohne sich darin zu verbeißen. Mir sind die Paralympischen Winterspiele 2018 sehr wichtig und ich werde dieses Ziel ehrgeizig verfolgen. Aber ich will auch noch Spaß und Freude am Leben haben.

An welchen Wettkämpfen nehmen Sie zur Vorbereitung auf die Paralympics teil?

Ich plane neben allen nationalen auch an möglichst vielen internationalen Rennen teilzunehmen. Je mehr Rennerfahrung ich sammeln kann, umso besser ist es für meine Weiterentwicklung und umso größer werden die Chancen bei den Paralympics teilnehmen zu können.

Wie viele Rennen werden das ungefähr sein?

Zählt man die nationalen Wettkämpfe zusammen, gibt es rund zwölf Rennen
in Österreich. Dazu kommen die internationalen Rennen, die IPC Rennen (Rennen des International Paralympic Committee, Anm. d. Red.) bei denen man Punkte sammeln kann. Schließlich gibt es ganz klassisch den Europa-Cup und den World-Cup. Auf internationaler Ebene kommen somit noch einmal rund zwanzig Rennen dazu.

Welche Leistung muss man bringen, um sich für die Paralympics zu qualifizieren?

Die genauen Kriterien für 2018 kenne ich noch gar nicht. Man muss aber eine bestimmte IPC Punktzahl erreichen, um überhaupt starten zu dürfen. Auch national gibt es sehr strenge und sehr hohe Qualifikationskriterien. Es ist also schon eine starke Leistung, wenn man sich qualifiziert und für Österreich bei den Paralympics startet.

Wann geht die Vorbereitung auf die kommende Saison los?

Ab Anfang Juni geht das Training los. Da stehen vor allem Koordination, Ausdauer und Krafttraining im Fokus. Auf die Piste geht es dann im Oktober.

In welchem Skigebiet trainieren Sie normalerweise?

Mit der Mannschaft sind wir oft am Stubaier Gletscher. Ansonsten trainiere ich viel bei mir daheim in Bad Hofgastein. Da habe ich die Piste quasi direkt vor der Haustüre.

Inwieweit möchten Sie mit dem Ziel Paralympics 2018 auch ein Zeichen setzen, dass Menschen mit Behinderung tolle Leistungen schaffen können?

Klar ist es eine Motivation anderen behinderten Menschen zu zeigen, was alles möglich ist. Resignieren ist trotz Amputation keine Option. Es geht immer weiter. Ich muss natürlich sagen, dass ich in der glücklichen Lage bin, „nur“ unterschenkelamputiert zu sein. Von meinen Kollegen, mit denen ich unterwegs bin, habe ich das geringste Übel. Mit der heutigen Entwicklung im Prothesenbereich kann man als Unterschenkelamputierter eigentlich alles machen, was man will. Einschränken kann man sich da nur vom Kopf her.

Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber was ich will, kann ich auch machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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