Bulli Grundmann – Mein Weg mit Musik und Sport

„Der Sport und die Musik haben mir geholfen meine Behinderung zu akzeptieren.“

Jürgen “Bulli” Grundmann ist leidenschaftlicher Liedermacher, Sänger und Künstler, der rund 20 Jahre lang hauptberuflich Musik gemacht hat – daran hat ihn die Prothese nie gehindert. Heute arbeitet Bulli Grundmann als Logopäde.

Wo sind Sie amputiert?

Ich bin linksseitig oberschenkelamputiert.

Wann wurden Sie amputiert?

1976, als Siebzehnjähriger.

Wie kam es zur Amputation?

In dieser Zeit habe ich Kunstturnen als Leistungssport betrieben und hatte ein Jahr vor der Amputation einen Sportunfall mit anschließender Meniskus-OP. Fast auf den Tag genau ein Jahr später wurde ein Osteosarkom im Kniegelenk gefunden, also Knochenkrebs.

Wie erging es Ihnen nach der Amputation, wie haben Sie sich gefühlt?

Der erste Gedanke nach der Amputation war: Keine Schmerzen mehr! Ich war zuvor monatelang von Arzt zu Arzt gerannt, bevor die endgültige Diagnose gestellt wurde. Ich hatte schreckliche Schmerzen im Gelenk, die nur mit entsprechenden Medikamenten gedämpft werden konnten. Dieses Gefühl der Erleichterung war im ersten Moment stärker als die Trauer um das verlorene Bein. Natürlich waren da auch die Sorgen, wie nun alles weitergehen würde: Wie würden Freunde, Bekannte reagieren? Würde ich je wieder Sport machen können? Findet man als Behinderter eine Freundin? Man steht anfangs vor einem schier unüberwindbar erscheinenden Berg von neuen Fragen. Erst wenn man diesen Berg erklimmt, kann man von oben erkennen, welche Antworten dahinter liegen!

Wer stand Ihnen zur Seite und was haben diese Menschen getan, um Ihnen zu helfen und Sie zu motivieren?

Die Freunde und meine Eltern waren natürlich unglaublich wichtig. Es gab keine „Berührungsängste“, keine Tabus. Ängste und Probleme wurden nicht tabuisiert, sondern thematisiert. Und ich glaube, alle haben schnell gemerkt, dass auch ich selber offen mit den neuen Lebensfragen umgehen konnte. Sportkameraden aus dem Verein haben wie selbstverständlich angerufen und gefragt, ob ich mal zum Training in die Halle kommen wolle… nach zwei Monaten habe ich dann wieder am Reck gehangen und zur Verblüffung aller – und auch meiner selbst – einbeinig Riesenfelgen gedreht. Während meiner Studienzeit in Bielefeld habe ich dann mit der ersten Mannschaft der Bielefelder Turngemeinde in der Kunstturn-Landesliga bis 1990 Kürwettkämpfe geturnt (Reck, Barren, Ringe). Das war schon ziemlich einmalig und hat Aufsehen erregt, besonders bei den Kampfrichtern…. allerdings wurde ich nicht geschont bei den Wertungen, konnte mich also nicht auf dem „Behinderten-Bonus“ ausruhen!

Wie haben Sie sich selbst motiviert, mit der Amputation zu leben?

Zum einen hat meine sportliche Fitness mir sehr geholfen, die Behinderung zu akzeptieren. Zum anderen war da aber immer auch schon die Musik! Kurz vor der Amputation hatte ich eine neue Gitarre geschenkt bekommen, die ich auch im Krankenhaus dabei hatte. Am zweiten Tag nach der OP saß ich auf dem Bett, spielte – ich glaube „Morning has broken“ von Cat Stevens – als ein junger Zivi ins Zimmer kam, dem fast das Tablett aus der Hand fiel und der mich fragte, wie ich um Himmels Willen nun schon wieder an Musik denken könne. Ich konnte damals darauf keine Antwort geben. Heute weiß ich, welche Kraft und Energie Musik freisetzen kann.

Wie war Ihre erste Prothesenversorgung?

Die Erstversorgung war damals – verglichen mit den heutigen Standards – eine „Steinzeitprothese aus Holz“, ohne Kontaktschaft, der Stumpf hing frei im Schaft.

Was war für Sie am Anfang am schwierigsten, was stellte sich als größte Aufgabe bzw. Herausforderung heraus?

Natürlich zunächst das neue Gehen überhaupt. Mit dem alten Prothesenmodell war das nicht so einfach. Ich hatte jedoch eine gute Gehschule in einer Rehaklinik in Bad Pyrmont mit konsequentem Training.

Wie geht es Ihnen heute? Wie können Sie mit der Amputation umgehen?

Die Amputation spielt im Alltag eigentlich keine große Rolle, es sei denn, es gibt mal Druckstellen oder Passprobleme. Ich bin allerdings auch kein „Power-Walker“, bin gern mit Krücken unterwegs und lasse die Prothese auch gern mal in der Ecke stehen. Durch das Turnen habe ich da kraftmäßig keine Probleme, spiele auch Fußball, habe sozusagen immer meinen „Minibarren“ in den Händen!

Welchen Anspruch erheben Sie auf Ihre prothetische Versorgung?

Als Musiker muss ich mich auf meine Prothese hundertprozentig verlassen können. Gerade bei Auftritten wird das Material schon heftig beansprucht, besonders durch den Auf- und Abbau der Anlage. Beim Auftritt selber muss ich mich wohl fühlen und einen guten Stand haben, ich darf eigentlich gar nicht an die Prothese denken, um mich auf Gesang und Gitarrenspiel konzentrieren zu können.

Inwiefern hat sich Ihr Leben verändert?

Schwere Frage, finde ich. Eigentlich führe ich ein – im besten Sinne – „stinknormales Leben“, bin glücklich verheiratet, habe zwei tolle Kinder, Arbeit, Freunde.

Was machen Sie beruflich?

Ich habe gut 20 Jahre hauptberuflich von der Musik gelebt, bin durch die Lande getingelt mit satirisch-ironischen, politischen Liedermacherprogrammen. Derzeit mache ich „halbe-halbe“: Ich habe als Logopäde in Bielefeld-Bethel im Bereich Kindersprache eine Teilzeitstelle, ansonsten bin ich weiterhin musikalisch aktiv, mittlerweile mit neuem Schwerpunkt, nämlich als Kinderliedermacher.

Was möchten Sie mit Ihrer Musik ausdrücken bzw. vermitteln?

Kinderlieder fördern die Sprachentwicklung auf vielfältige Weise: Sie unterstützen den Aufbau von Wortschatz und Sprachverständnis, trainieren Gedächtnisleistungen. Moderne Kindermusik soll Spaß bereiten, Kinder stark und selbstbewusst machen.

Wie verbringen Sie – außerhalb der Musik – Ihre Freizeit?

Ich bin leidenschaftlicher Fahrradfahrer und – sofern die Zeit es erlaubt – Kanute. Ich liebe Skandinavien und habe dort unzählige Wander- und Wildwassertouren unternommen.

Schränkt sie die Amputation im Alltag ein?

Gelegentlich nervt meine Hautempfindlichkeit bei längerem Tragen der Prothese, da gibt es immer wieder Druckstellen und Reizungen. Oftmals höre ich dann, ich müsse mein Bein öfter und regelmäßiger tragen, doch auch hier haben immer wieder neue Versuche keine Verbesserungen gebracht. Am Schaft liegt es meiner Meinung nach nicht, egal wie eng oder weit er gefertigt ist. Vielleicht hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und kann mir darüber berichten?

Welche Möglichkeiten gibt es für Sie, Kontakt zu anderen Beinamputierten herzustellen? Denken Sie, dass Kontakt unter Betroffenen wichtig ist?

Am ehesten zur Zeit in der Orthopädiewerkstatt, in der mein Mechaniker selber Amputierter ist und es so zu einem regen Erfahrungsaustausch kommt. Natürlich sind Kontakte unter Amputierten wichtig. Auch das Internet bietet hier sicherlich viele neue Möglichkeiten.

Haben Sie Tipps, Erfahrungen, Ratschläge oder ein Motto, das Sie anderen Beinamputierten mit auf den Weg geben können?

Das ist schwierig, ein allgemein gültiges „Rezept“ zu nennen. In meinem Fall sind es z. B. der Sport und die Musik, die mich „auf den Weg“ gebracht bzw. gehalten haben. Wichtig ist, dass jeder Betroffene Wege sucht, sieht und geht im Sinne Ghandis: Der Weg ist das Ziel.

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