Doris Raths – Künstlerin aus Berlin

Künstlerin aus Berlin

Doris Raths wurde auf Grund eines bösartigen Knochentumors im Alter von elf Jahren der rechte Oberschenkel amputiert. Heute kommt sie gut mit ihrer Hüftexartikulation zurecht.

Guten Tag Frau Raths, wo sind Sie amputiert?

Rechtes Bein mit Hüftexartikulation.

Wann wurden Sie amputiert?

1973, damals war ich elf Jahre.

Was war die Ursache?

Amputationsgrund war ein bösartiger Knochentumor (Ewing-Sarkom) im rechten Oberschenkel. Nach ca. zwei Jahren kam es zu Metastasen in der rechten Lunge. Ein Teil der Lunge mußte zusätzlich entfernt werden.

Wie ausgeprägt waren Ihre Schmerzen nach der Amputation und wie wurden diese behandelt?

Das weiß ich nicht mehr, da meine Amputation nun 30 Jahre her ist. Ja, Schmerzen hatte ich wohl, weil ich als Kind nachts oft geweint habe. Ganz schlimm war für mich die anschließende Chemotherapie. Zumal ich damals als Kind keinerlei psychologische Betreuung bekam. Psychologisch geschultes Personal, z. B. in Form von Ärzten war undenkbar.

Wie erging es Ihnen nach der Amputation, wie haben Sie sich gefühlt?

Auf Grund der Therapie ging es mir gesundheitlich nicht so gut. Ich besuchte zwar weiterhin die Regelschule, aber ich nahm nicht am vollen Unterricht teil, da ich sehr geschwächt war. So richtig traurig über das fehlende Bein war ich als Kind und später als Erwachsener nie. Mich haben von je her die Reaktionen meiner Mitschüler bzw. Mitmenschen aufgeregt, wütend und traurig gemacht. Mitleid und Spott waren gerade in der Schule oft zu spüren. In unmittelbarer Umgebung der Wohnsiedlung versuchten mich einige zu integrieren.

Was fiel Ihnen schwer, was stellte sich als größte Herausforderung heraus?

Das Durchhalten der Chemotherapie, der Krankengymnastik und der Umgang mit meiner Schwester. Dazu kam, daß ich sehr geschwächt war und in der Schule Schwierigkeiten hatte. Da ich körperlich nicht mithalten konnte, war ich oft allein. Die Belastung Schule und die Therapie führten dazu, dass ich Freunde verlor. Dies wurde aber Jahre später durch den Behindertensport wieder ausgeglichen. Die größte Herausforderung war für mich mein Studium und der damit verbundene Abschluss.

Wie reagierte Ihr Umfeld auf die Amputation?

Von den Leuten auf der Straße wurde und wird man immer noch ziemlich angestarrt. Meine Familie reagierte gespalten. Meine Mutter unterstützte mich sehr, mein Vater überforderte mich, meine Schwester war eifersüchtig auf mich und ging mir aus dem Weg. In den späteren Jahren ließ mir besonders meine Mutter viel Freiraum. Oft merkte man, dass sie mein Verhalten nicht verstand, dann ließ sie mich einfach nur „in Ruhe machen”. Dies tat mir gut und förderte meine Selbständigkeit.
Die erste Etappe zum Arbeitsleben war für mich das Studium. Auch hier waren die Reaktionen verschieden. Einige Kommilitonen und Professoren respektierten mich, andere hatten Mitleid, einige mieden mich. Teilweise wurde ich, wegen meiner Beinamputation, sogar für minder intelligent gehalten! Auch bei späteren Vorstellungsgesprächen waren Ablehnung und Vorurteile fast immer zu spüren und ausschlaggebend für eine berufliche Absage. Oft wurde einem unmissverständlich klar gemacht, dass man keinen Behinderten einstellen möchte. Dabei gaben sich staatliche Stellen und private Arbeitgeber nichts. Es kam mir sogar so vor, dass die staatlichen Stellen noch schärfer waren.
Ich erlebe viele verschiedene Formen der Reaktionen auf meine Person als behinderte Frau. Sie reichen über übertriebene Bewunderung, Ignoranz, Ablehnung bis hin zum Mobbing.

Welche Prothesenversorgung haben Sie heute?

Ich trage eine Beckenkorbprothese mit einem Hüftgelenk. Oft bin ich längere Zeit auf Gehstützen und Rollstuhl angewiesen. Dennoch hoffe ich, dass diesmal die Versorgung klappt. Die der vergangenen Jahre waren nicht erfolgreich.

Warum waren die Versorgungen nicht erfolgreich? Was gab es für Probleme im Hinblick auf die Prothesenversorgung? Was könnte besser sein?

Zu Anfang hatte ich eine Holzprothese. Diese war sehr schwer und unhandlich. Über einen Zeitungsartikel, den mein Vater fand, wurde die Arbeit der TU Berlin, besonders der Biomedizin dargestellt. Hier wurden Testpersonen für den Bereich der Prothesenerprobung gesucht. Über dieses Forschungsprojekt hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Prothesensysteme und die damit verbundenen Firmen kennenzulernen. Dabei kristallisierte sich ein System heraus, mit dem ich doch gut klar kam. Das System war jedoch sehr reparaturanfällig.
Spätere Prothesen passten in der Form nicht, von den nun verwendeten Systemen ganz zu schweigen. Dies führte dann dazu, dass ich die Prothesen nur sehr bedingt tragen konnte. Das Gehen war so beschwerlich, dass ich trotz Prothese noch beide Gehstützen benötigte. Von den diversen Druckstellen und Rücken- und Gelenkschmerzen durch die schlechte Passform der Prothese ganz zu schweigen.
Zum Glück ist heute einiges anders geworden. Junge Mechanikerteams bemühen sich doch viel mehr um ihre Kunden. Auch der allgemeine Umgang mit Behinderten ist etwas offener geworden.
Was ich mir generell wünschen würde ist, dass die Kooperation zwischen dem Team und dem Kunden noch besser wird. Zum jetzigen Stand der Prothesenentwicklung ist zu sagen, dass im Bereich der Hüftgelenke noch einiges verbessert werden muss, so dass deren Einbau und die spätere Nachjustierung einfacher und vielseitiger wird. Ein einfacheres Arbeiten für das Team und ein besseres Tragen für den Amputierten wäre die positive Folge.

Haben Sie heute noch Schmerzen bzw. Phantomschmerzen und wie äußern sich diese?

Ja, Schmerzen in einigen Gelenken als Folgeerscheinung der Beinamputation, zum anderen Phantomschmerzen. Bei Phantomschmerzen spüre ich das nicht vorhandene Bein, insbesondere den rechten Fuß. Der Stumpf krampft sich zusammen. Dagegen hilft heißes Baden und eine Schmerztablette.

Gab es nach der Amputation Veränderungen in Ihrem Leben?

Das kann ich nicht sagen, da ich damals, als es passierte, ein Kind gewesen bin. Ich weiß aber auch, dass ich nicht diesen Lebensweg eingeschlagen hätte, wenn ich nicht behindert gewesen wäre. Trotz aller Schwierigkeiten und Diskriminierung, die ich in meinem Leben erfahren musste, habe ich immer das Schöne am Leben gesucht und meist auch gefunden. Der Sport und meine Lebenseinstellung halfen mir sehr dabei. Nochmals hat sich mein Leben mit der Geburt meiner Tochter vor sieben Jahren positiv geändert.

Sie sind Malerin und Fotografin. Haben Sie schon vor dem Unfall gemalt und fotografiert oder haben Sie mit diesen Tätigkeiten erst nach der Amputation angefangen?

Schöne Bilder mochte ich schon immer. Ich sammelte Postkarten und Kunstdrucke. Laut Erzählungen meiner Mutter habe ich als Kind viel gebastelt und gemalt. So wie meine Tochter heute. Im Studium bekam ich von einem Freund eine Kamera geliehen, da fing es mit dem Fotografieren an. Richtig aktiv wurde ich erst 1998. Das Malen begann während meiner Tätigkeit als Erzieherin. Ein Kollege sah mich mit den Kindern basteln. Er war der Meinung ich könne auch Malen und ich war darüber erst sehr verdutzt. Dennoch setzte ich mich Tage später hin, um mein erstes Bild zu malen. Ich war aber nicht sehr überzeugt, was ich da zu Papier gebracht hatte. Aber der Stein kam ins Rollen.

Inwiefern haben Ihnen das Malen und die Fotografie geholfen, die Behinderung zu bewältigen? Was sind Ihre Motive und woher erhalten Sie Ihre Ideen?

Das Malen hilft mir, Erlebnisse zu verarbeiten. Aber in erster Linie erfreue ich mich an der Schönheit der Natur. Diese versuche ich im gemalten Bild und in der Fotografie festzuhalten. Dabei ist das zentrale Objekt der Sonnenuntergang. Ich male Naturmotive, oft als Einzelausschnitt, auf dem Hintergrund des Sonnenuntergangs. Ich bevorzuge kontrastreiche Farben, insbesondere Rottönungen. Meine Motive suche ich in der Natur, festgehalten oft durch eigene Fotos, in Büchern, Zeitungen und in eigenen Erlebnissen.

Wo kann man Ihre Bilder anschauen und beziehen?

In erster Linie bei mir. Bei Interesse würde ich einen Treffpunkt vereinbaren, um meine Bilder zu präsentieren.

Denken Sie, dass Kontakt unter Betroffenen wichtig ist?

Der Kontakt zwischen Betroffenen ist sehr wichtig. Neben oft lebenslangen Freundschaften liefern Kontakte Informationen und Hilfen jeglicher Art. Kontakte erstellt man über persönliche Treffen, aber auch über verschiedene Medien wie Telefon, Internet, Zeitungen sind sehr wichtig. Ich selber bevorzuge den persönlichen Kontakt.

Was betreiben Sie für Sport oder Aktivitäten?

Ich bin im Behindertensportverband Berlin aktiv. Zur Zeit mache ich Gymnastik und gehe zum Schwimmen. Im Laufe der Jahre übte ich auch die Sportarten Sitzball, Sitzvolleyball, Rollstuhlbasketball, Rollstuhltanz und Rudern aus. Einige der Sportarten musste ich leider aus gesundheitlichen Gründen wechseln oder ganz aufgeben. Spaß haben sie aber alle gemacht.

Welche Ziele, Wünsche, Pläne haben Sie für die Zukunft, vor allem auch in Hinblick auf Ihr Leben mit der Amputation und auf Ihre Prothesenversorgung?

Ich wünsche mir, mit meiner Malerei bekannter zu werden und auch Interessenten zu finden, die meine Bilder ausstellen würden. Für meine prothetische Versorgung hoffe ich auf ein besseres, d.h. andauerndes Laufen mit Prothese, ohne Schmerzen und Druckstellen. Mein privates Anliegen ist, weitere Kontakte, unabhängig von der Malerei, zu knüpfen.

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