Klaus Keweloh – Es geht immer weiter

„Es geht immer weiter. Man muss es nur wollen.“

Manchmal sind es kleine Dinge, die das Leben verändern bei Klaus Keweloh entschied ein Stein über sein Schicksal. Dem stolperstein Redaktionsteam erzählte er seine Geschichte.

Klaus Keweloh ist ein aktiver Mensch, den nichts so leicht aus der Ruhe bringt. Schon gar nicht die herbstlichen Temperaturen Anfang November im oberfränkischen Fichtelgebirge. Bei fünf Grad Außentemperatur begrüßt der 65-Jährige die stolperstein Redakteure in kurzen Wanderhosen mit einem
breiten Lächeln und festem Händedruck vor seinem Haus. „Hallo, ich bin der Klaus. Schön, dass ihr da seid.“ Er mag es direkt, herzlich und unkompliziert. Auf die Frage, ob es nicht etwas kalt sei für kurze Wanderhosen, antwortet er: „Nee, und wenn, dann würde es mich ja nur an einem Bein frieren“ und lacht. Der gebürtige Sauerländer weiß, wie man eine lockere Atmosphäre schafft.

Seine positive Einstellung und die Fähigkeit, mit Menschen umgehen zu können, kamen ihm sein ganzes Leben lang zugute. Vor allem bei seiner fast 20-jährigen Tätigkeit als unabhängiger Wanderführer auf Mallorca. Von 1992 bis 2011 zeigte er Touristengruppen die malerische Bergwelt der Baleareninsel. Am liebsten war er mit den Urlaubern im Nordwesten der Insel, rund um das Künstlerdorf Deià, unterwegs. Weit weg von den Massen an den bekannten Stränden von El Arenal. „Es ist schon ein Privileg, wenn man seine Leidenschaft zum Beruf machen kann“, sagt Klaus und strahlt. Die Bewegung, die Natur und die gemeinsamen Erlebnisse mit anderen Menschen begeistern ihn. Es unterstreicht auch sein Lebensmotto. „Ich mache nur das, was mir Spaß macht. Danach lebe ich seit meiner Jugend.“

Amputationsursache

Im April 2011 stand wieder eine Mallorca-Tour an. Die Planungen liefen auf Hochtouren. Das Hotel für die Reisegruppe war gebucht und der Flug bereits organisiert, als es zu dem folgenschweren Vorfall kam, der Klaus’ Leben grundlegend verändern sollte „Ich war beim Rasenmähen hinterm Haus, als mir plötzlich das Schneidemesser einen Stein ans Schienbein schleuderte. Der war vom Umfang nicht größer als ein Fingernagel, steckte aber für einen Moment mitsamt der Hose im Bein“, erzählt er. Noch am selben Tag ging Klaus zum Arzt und ließ sich behandeln. Ein Röntgenbild sei bei so einem kleinen Unfall nicht nötig, hieß es. Eine Versorgung mit Salbe und Verband würde ausreichen. Mehrere Wochen vergingen, das Bein schmerzte weiter und entzündete sich. Klaus bekam Antibiotika verschrieben. Ein halbes Jahr und mehrere Arztbesuche später wurde sein Bein doch geröntgt. Das Ergebnis war mehr als beunruhigend. Sein Schienbein war doppelt gebrochen und der Knochen hatte sich entzündet. „Das war schon so ein Moment, indem ich mir dachte, dass hätte man aber früher erkennen können.“ Der Versuch, den Bruch erfolgreich zu schienen, misslang. Er wollte einfach nicht verheilen. Der nächste Lösungsversuch: ein Nagel im Bein sollte von der Kniescheibe bis zum Sprunggelenk für Stabilität sorgen. „Das funktionierte anfangs auch. Nur bekam ich dort, wo der Nagel verschraubt war, wunde Stellen.“ Also wurden die Schrauben entfernt. Der Heilungsprozess ging voran. Zwei Wochen nach dem Eingriff glaubte er, den Bruch so gut wie überstanden zu haben. Er war wieder zu Hause. Das Laufen gelang nahezu beschwerdefrei. Bis er über eine kleine Kante stolperte – und das Bein wieder brach. Die Ärzte in Bayreuth waren ratlos. Sie überwiesen Klaus in eine Spezialklinik nach Murnau. Das war im September 2012.

Der Krankenhausaufenthalt

Die Operationen gingen weiter. In den ersten drei Wochen erfolgten drei Eingriffe am Bein, um die Entzündung in den Griff zu bekommen. Es sollten insgesamt neun Operationen nötig sein. Den eigentlichen Bruch versuchte man mit einem sogenannten Fixateur zu heilen. Diesen sollte Klaus ursprünglich bis August 2013 tragen. Dann, so die Ärzte, könne er wieder normal laufen. Um ein besseres Ergebnis zu erzielen, wurde das Bein um drei Zentimeter gekürzt und die Knochenteile wieder aufeinander geschoben. Die Verkürzung könne er problemlos mit einem entsprechenden Absatz ausgleichen, versicherte man ihm in der Klinik. Der letzte Eingriff, eine Hautverpflanzung, war absolviert. Die Entlassung stand in wenigen Tagen an, als sich das Bein wieder entzündete. „Das nervte natürlich. Jedes Mal, wenn ich glaubte, ich hätte es geschafft, kam der nächste Nackenschlag. Aber da muss man einfach nach vorne schauen und positiv bleiben“, sagt Klaus. Resignieren käme für ihn auch nicht infrage. Rückschläge und Neuanfänge hat er in seinem Leben schon einige erlebt. „Wenn man Augen und Ohren offenhält, dann geht es immer weiter. Man muss es nur wollen.“

Der Weg zum Wanderführer

Sein beruflicher Werdegang ist ein Beleg dafür. Er machte in der Baubranche rasch Karriere und stieg bereits als 20-Jähriger zum Bauleiter, später zum Oberbauleiter auf. Für zahlreiche Großprojekte im Kölner Raum war er verantwortlich. Als die Firma im Zuge einer Bauflaute Pleite ging, bot ihm ein anderes Unternehmen nahtlos eine Stelle im Bereich Innenausbau an. Er erlebte noch zwei weitere Unternehmensniedergänge bevor er von einem Bekannten gefragt wurde, ob er nicht Lust hätte, Wanderführer auf Mallorca zu werden. „Von der Baubranche in Deutschland in die Tourismusbranche auf Mallorca zu wechseln, ist natürlich eine Umstellung. Aber, ist es nicht schön, wenn man so eine Wahl hat?“

Die Ärzte in Murnau stellten ihn vor die Wahl.

Entweder ein Jahr Klinikaufenthalt mit ungewissem Ausgang. Oder eine Amputation des Unterschenkels mit der Aussicht, nach drei bis vier Monaten wieder fit zu sein und ein normales Leben führen zu können. „Ich hatte fünf Tage, um mich zu entscheiden. In der Zeit versuchte ich natürlich möglichst viele Antworten auf all meine Fragen zu erhalten. Gerade von Menschen, die selbst amputiert waren, habe ich dabei sehr viele Informationen, Rückhalt und Aufmunterung erfahren.“ Nachdem auch die Prothesenversorgung und die Reha geklärt waren, stimmte er der Amputation zu.

Sein großer Rückhalt in dieser schwierigen Zeit war seine Frau.

Sie wich nicht von seiner Seite, sprach ihm Mut zu. Sie wusste, wie schwer ihm diese Entscheidung fiel. Vor allem hinsichtlich der Leidenschaft fürs Wandern, die sie mit ihm bis heute teilt. Kennengelernt haben sie sich im April 2002. Sie war  damals mit einer Reisegruppe aus dem Fichtelgebirge nach Mallorca geflogen, um die Mandelblüte zu erleben. Klaus war ihr Wanderführer. „Als ich sie bei der Begrüßung sah, war mir sofort klar: Das ist die Frau meines Lebens. Da gab es gar keine Zweifel“, sagt er. Noch im selben Jahr zog er von Mallorca zu ihr nach Oberfranken.

In Murnau saß sie Tag für Tag an seinem Krankenbett.

Beide schmiedeten Pläne, wie es weitergehen sollte. Bereits am zweiten Tag nach der Amputation scherzte sie, er könnte ja jetzt auf Mallorca Wanderungen für Behinderte anbieten. Er ging sofort auf ihren Vorschlag ein. „Sie war ganz perplex und sagte, dass das nur ein Spaß gewesen sei. Tja, sagte ich, dann ist jetzt aus Spaß Ernst geworden.“ Er war von diesem neuen Ziel so begeistert, dass er bereits in der Klinik sein Vorhaben ankündigte. Die positiven Reaktionen der Patienten zeigten ihm, dass er eine Marktlücke entdeckt hatte. Plötzlich eröffneten sich neue Perspektiven für ihn. Er hatte ein neues Ziel, das ihm seitdem Motivation und neuen Lebensmut schenkt.

Ziele im Leben setzen!

„Ich bin überzeugt, dass man sich im Leben immer wieder Ziele setzen muss. Gerade in schwierigen Situationen hilft es, zu wissen, wo man hin möchte. Wenn ich mich mit anderen amputierten Menschen treffe, die ein Ziel haben, merke ich, dass sie meist deutlich besser mit ihrer Situation zurechtkommen als diejenigen, die sich orientierungslos treiben lassen.“ Mitte Dezember 2012, vier Monate nach der Einweisung, wurde er aus dem Krankenhaus entlassen.

Ohne Prothese, nur mit Krücken ausgestattet, kam er wieder nach Hause.

Sofort machte er Pläne, wie seine neue Webseite für Gehbehinderte aussehen könnte, noch vor der Versorgung  mit einer Interimsprothese. Die erhielt er in der ersten Januarwoche. An dieses Erlebnis kann er sich heute noch gut erinnern. Der Orthopädietechniker saß bei Klaus im Wohnzimmer, passte die Prothese an und verfolgte die ersten Schritte quer durch die Wohnung. „Auf dem Rückweg von der Küche habe ich dann die Krücken in die Luft gehalten und gefragt, ob ich so etwas auch machen dürfe? Da fiel der fast in Ohnmacht“, lacht Klaus. Er machte von nun an jeden Tag Laufübungen, wollte seine Mobilität zurück.

Der Alltag mit Prothese

So schnell wie möglich. Das Ziel, auf Mallorca wieder Wandern zu gehen, war fest in seinem Kopf. Doch bis es soweit war, musste er sich zuerst in seinem Alltag mit den neuen Gegebenheiten zurechtfinden. Sein Aktionsradius vergrößerte sich stetig. Erst im Haus, dann auf seinem Bauernhof.

Der Führerschein mit Beinprothese

Eine Woche nachdem er die Interimsversorgung erhalten hatte, fuhr er bereits auf seinem Grundstück mit dem Auto. „Ich habe damals beim TÜV angerufen, um die Prothese in meinen Führerschein eintragen zu lassen. Dort arbeitete ein Fahrlehrer, der auf solche Fälle wie mich ausgebildet war. Der sagte, ich solle einfach mal mit meinem Auto vorbeikommen. Ok, dachte ich, dann fahr ich eben mit dem Auto zur Prüfung.“ Ob er sich nicht unsicher gefühlt habe? „Nein. Das war kein Problem. Meine Frau saß ja auf dem Beifahrersitz“, sagt Klaus und grinst. Die Prüfung bestand er auf Anhieb.

Die Reha

Drei Wochen nachdem er wieder mit dem Autofahren begonnen hatte, startete die Reha. „Ich hatte das Glück, eine Einzelbehandlung zu bekommen. Schon am ersten Tag hatte ich der Physiotherapeutin gesagt, sie solle mich so weit fordern, bis ich selbst ‚Stopp‘ sage.“ Sechs Wochen lang trainierte er täglich mehrere Stunden, fuhr Rad, machte Übungen. Oft bis zur Erschöpfung. „Stopp“ sagte er in dieser Zeit so gut wie nie.

Wieder mitten im Leben angekommen!

Wenn man Klaus an seinem Esstisch sitzen sieht, fällt sofort diese innere Ausgeglichenheit auf. Der Mann ruht in sich selbst. Man spürt, er ist dort angekommen, wo er seit seiner Amputation hinwollte. Wieder mitten im Leben. Das Haus, das er Anfang 2012 am anderen Ende des Ortes gekauft hat, baut er seit rund zwei Monaten um. Ab und zu helfen sein Stiefsohn und ein Bekannter. Badezimmer, Heizung und Sanitäranlagen sind schon fertig. Bei den Renovierungsarbeiten spürt er die einzige Einschränkung, die er durch die Prothese hat. „Ich kann nicht knien. Die Prothese ist nicht tief genug eingeschnitten. Dafür bräuchte ich aber noch rund fünf Zentimeter mehr Stumpf. Den habe ich aber nicht. Also muss es so gehen.“ Auch die Planungen für seine erste Wandertour für Gehbehinderte auf Mallorca sind so gut wie abgeschlossen. Im Februar 2015 geht es los. „Die Reisegruppe wird acht Personen und mich umfassen. Dann kann ich nämlich den Kleinbus fahren“, sagt Klaus. Die Routen ist er in diesem und im letzten Jahr mit seiner Frau bereits auf Mallorca abgelaufen. „Ich habe bei den einzelnen Strecken großen Wert darauf gelegt, dass sie für alle Teilnehmer gut zu meistern sind. Es soll ja Spaß machen und niemand soll sich überfordert fühlen“, sagt Klaus. Ob er einen Unterschied zu früheren Gruppen merken wird? „Nein, das glaube ich nicht. Ich bin sicher, dass die Ausflüge zu den gewählten Orten super werden. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich Wanderer ohne oder mit Beinamputation führe. Ich freue mich einfach auf die Teilnehmer und die Wanderungen.“

Vielen Dank für das Interview!

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