Gabi Gebelein – Steht heute mitten im Leben

“Viele Dinge betrachte ich jetzt positiver.”

Die Mutter zweier Kinder ist oberschenkelamputiert und engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe.

Wo und wann wurden Sie amputiert?

Ich wurde 1976 am rechten Oberschenkel amputiert.

Was war die Ursache?

Ich hatte ein Knochensarkom im Knie*.
*Anm. der Redaktion: Oberbegriff für maligne Tumoren des Knochengewebes

Was waren die genaueren Umstände Ihrer Amputation?

Zuerst wurden meine Schmerzen auf Sportverletzungen und Wachstumsstörungen behandelt. Als diese immer mehr zunahmen, tappten die Ärzte völlig im Dunkeln. Schließlich brach der Knochen unterhalb des Kniegelenks durch. Eine Woche später wurde ich dann amputiert.

Wie haben Sie sich danach gefühlt?

Ich hatte große Zukunftsängste, besonders im Bezug auf Familie, Beruf und allgemein. Damals wusste ich nicht, wie mein Leben weitergehen soll.

Wie war der Aufenthalt im Krankenhaus?

Diese Zeit war sehr schwierig für mich, da auch meine Eltern und die gesamte Familie nicht wussten, wie sie mit mir und der Situation umzugehen hatten. Ich habe mich oft gefragt “Warum gerade ich?”. Eine Antwort habe ich aber erst vor kurzem gefunden. Ich denke, dass alles im Leben irgendwie auch einen Sinn hat.

Wer stand Ihnen in dieser schwierigen Zeit zur Seite?

Mein damaliger Freund war für mich da, obwohl er mit aller Macht versucht hatte, die Amputation zu vermeiden. Außerdem hat sich meine Familie, nachdem sie den Schock überwunden hatte, liebevoll um mich gekümmert.

Wie haben Sie sich selbst motiviert, mit der Amputation zu leben?

Ich habe eingesehen, dass das Leben weitergeht und war schon damals der Ansicht, dass man nichts machen kann und es eben so ist wie es ist. Dieser Leitsatz ist für mich immer noch sehr wichtig.

Haben Sie eine Reha absolviert?

Eine derartige Maßnahme gab es damals für mich nicht und ich war 1999 erstmals in einer Reha. Ich mache regelmäßig eine ambulante Gehschule in der Reha-Klinik Bad Urach. Mit dieser Gehschule und den dortigen Therapeuten bin ich sehr zufrieden.

Wie sah Ihre erste Prothesenversorgung aus?

Ich bekam zwar gleich eine Prothese, benutzte sie jedoch erst nach fast einem Jahr. Bis dahin habe ich mich Zuhause verkrochen. Es handelte sich dabei um eine Prothese mit querovalem Holzschaft, die ich im Übrigen bis vor wenigen Jahren in ähnlicher Form noch getragen habe und dazu ein einfaches, mechanisches Kniegelenk.

Was stellte sich am Anfang als das größte Problem für Sie heraus?

Am schwierigsten war es damals für mich, mich ohne Prothese in der Öffentlichkeit zu zeigen. Heute stellt die Amputation kaum mehr ein Problem für mich dar. Mein Mann, meine Kinder und ich sehen in meiner Amputation kein Hindernis in irgendeiner Form.

Welche Prothesenversorgung haben Sie heute?

Ich habe einen längsovalen Kunststoffschaft (CAT-CAM), einen Silikonliner für den Oberschenkelbereich, ein mehrachsiges, pneumatisches Kniegelenk und einen energierückgebenden höhenverstellbaren Carbonfuß – damit kann ich Schuhe mit unterschiedlichen Absatzhöhen tragen.

Haben Sie heute noch Schmerzen?

Schmerzen habe ich, seit ich die neue Prothesenversorgung habe, eigentlich nicht mehr. Phantomschmerzen kommen zum Glück recht selten vor.

In wiefern hat sich Ihr Leben verändert?

Ich habe eine andere Einstellung zum Leben bekommen. Viele Dinge betrachte ich jetzt positiver.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Mit meinem Mann und mit meinen Kindern gehe ich viel schwimmen, in die Sauna, Einkaufen oder wir verbringen viel Zeit auf unserem Campingplatz. Von da aus unternehmen wir auch Radtouren. Dazu hat mir mein Mann ein eigenes Fahrrad hergerichtet, auf dem ich die Prothese sehr gut fixieren kann. Allerdings habe ich mit dem Radfahren erst vor kurzem wieder angefangen und dabei festgestellt, dass ich dies schon längst hätte tun sollen, weil das Radfahren kein Problem für mich darstellt. Im Nachhinein bedauere ich, all die Jahre dies nicht gemacht zu haben. Im November 2004 habe ich mit dem Nordic Walking begonnen. Diese Sportart hat mich sofort sehr positiv angesprochen und gleich der erste Versuch machte mir sehr viel Freude. Seitdem laufe ich 3 bis 4-mal wöchentlich eine Stunde bei Wind und Wetter. Diese Sportart kann ich jedem nur empfehlen. Meine Kondition und Wohlbefinden ist durch den Sport deutlich besser, ich kann längere Wege gehen und bin auch deutlich belastbarer geworden. Einen Nachteil durch diese Sportart kenne ich nicht. Allerdings ist eine gute Ausrüstung mit federleichten Stöcken und guten Schuhen sehr wichtig. Zu guter letzt habe ich an einem Skikurs teilgenommen. Ich war sofort begeistert und habe mich gleich fürs nächste Jahr wieder angemeldet. Auch Skifahren hätte ich schon viel früher beginnen sollen, es macht riesig Spaß.

Welche Möglichkeiten gibt es für Sie, Kontakt zu anderen Beinamputierten herzustellen?

Wir haben auf Messen und via Internet Kontakt zu diversen Selbsthilfegruppen gefunden. Unter anderem lernte ich Herrn Griebel von der Selbsthilfegruppe für Arm- und Beinamputierte Bayern e.V. kennen und habe diese auch schon besucht. Mit einer anderen Selbsthilfegruppe habe ich die Reha-Klinik in Bad Urach kennen gelernt und einen sehr guten Eindruck davon bekommen. Dort gebe ich* momentan neben der Gehschule auch nützliche Tipps und Hilfestellungen für andere Betroffene.
*Anm. der Redaktion: Weitere Infos zur Selbsthilfegruppe von Gabi Gebelein gibt es auch hier im stolperstein.

Haben Sie Ratschläge oder ein Motto, das Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben können?

Den Kopf nicht in den Sand zu stecken! Denn nach jeder Wolke kommt wieder die Sonne.

Welche Ziele und Wünsche haben Sie für die Zukunft, auch im Hinblick auf Ihr Leben mit der Amputation und auf die Prothesenversorgung?

Neben den wichtigsten Dingen wie Gesundheit für meine Familie und einem sicheren Arbeitsplatz, möchte ich mich besonders lange ohne fremde Hilfe frei bewegen können. Dazu wird eine optimale Prothese mit möglichst geringer Belastung für meinen Rücken und Beckenbereich notwendig sein. Angst habe ich besonders davor, als Kassenpatient zukünftig nur minderversorgt zu werden und jede Anziehhilfe „erbetteln“ zu müssen.

Die stolperstein-Redaktion bedankt sich ganz herzlich für das offene Gespräch.

Leave A Reply