Georg Speckner – Ein besseres Lebensgefühl mit neuer Prothesenversorgung

“Mit meiner neuen Prothesenversorgung geht es mir immer besser”

“Wohl in seiner Prothese” fühlt sich Georg Speckner, seit er viele andere Beinamputierte kennen gelernt hat – vorher ist er lange Jahre mit “Steinzeit”-Prothese, aber eisernem Willen durchs Leben gegangen.

Wo und wann wurden Sie amputiert?

Am rechten Unterschenkel im Jahr 1978, damals war ich erst 18 Jahre alt.

Warum wurden Sie amputiert?

Durch einen tragischen Motorradunfall. Mir kam in einer abknickenden Vorfahrtsstraße ein Auto entgegen, das die Kurve geschnitten hatte. Dieses Auto fuhr mir frontal in die rechte Seite, erfaßte mein Bein und durchtrennte es. Zudem erlitt ich schwere innere Verletzungen sowie Kopfverletzungen, da der Helm beim Sturz stark demoliert wurde und keinen Schutz mehr bot.
Der Autofahrer blieb unverletzt. Ich blieb die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein, so dass ich alles mitbekam. Sobald ich meinen zertrümmerten Oberschenkel sah, bekam ich furchtbare Schmerzen. Die starke Blutung versuchte ich bis der Ambulanzwagen kam, selbst zu stillen, indem ich mein Bein mit den Händen zusammenhielt. Sehr schlimm war dann die Fahrt ins Krankenhaus. Dort fing ich etliche Kommentare wie „O Gott, sieht ja furchtbar aus“ auf. Zu dem Zeitpunkt waren diese Ausrufe für mich natürlich äußerst irritierend und angsteinflößend.
Die erste Operation dauerte, auch wegen der anderen Verletzungen, zwölf Stunden. Meine rechte Seite war sozusagen von oben bis unten defekt. Danach war ich zwölf Wochen auf der Intensivstation, während mein Leben an einem seidenen Faden hing. Die ganze Zeit setzten die Ärzte alles daran, mein Bein zu retten – sechs Monate lang.
Das gesamte Bein hing nur noch an einer Sehne, so daß man es anschrauben mußte. Die Hoffnung, dass es wieder zusammenwachsen würde, erfüllte sich jedoch nicht. Hinzu kommende Entzündungen und die Befürchtung, dass sich der Zustand meines Beines noch verschlechterte, führten dann letztendlich zur Amputation.
Ich war also sechs Monate in der Annahme gewesen, alles wird wieder gut. Als ich erfuhr, dass ich mein Bein wirklich verlieren werde, war das für mich ein riesiger Schock. Nach der Amputation lag ich noch zwei weitere Monate im Krankenhaus.

Wie haben Sie sich nach der Amputation gefühlt?

Miserabel! Es war für mich erst ein unglaublicher Schock und ich war am Ende – seelisch am Boden zerstört. Außerdem kam ich mir vor wie Kapitän Ahab. Nach acht Wochen war mein Stumpf endlich nicht mehr aufgebläht, so dass eine Prothesenanpassung möglich war. Mir wurde eine unglaublich umständliche Holzprothese verpasst, mit der ich ca. 14 Jahre lief.

Stand Ihnen jemand zur Seite?

Im Krankenhaus lagen Unfallopfer bei mir mit im Zimmer, mit teilweise sehr schweren Verletzungen. Es waren fast nur junge Leute in meinem Alter, worauf offensichtlich geachtet wurde. Es handelte sich zwar nicht um Amputierte wie mich, aber wir waren trotzdem Leidensgefährten. Meine Eltern –jein. Sie versuchten mich zu trösten, aber es war nun mal passiert. Meine Freunde, die ich nach wie vor auch habe, besuchten mich regelmäßig. Aber ich hatte niemanden, der mein Problem richtig verstand und mich richtig aufbauen konnte.

Wie ging Ihr Leben dann weiter?

Ich freute mich riesig auf meine Prothese – endlich wieder Laufen – das war mein einziger Gedanke. Da ich das Beste aus meiner Situation machen wollte, musste ich mich mit diesem Zustand abfinden. Weil ich wusste, dass ich an einem Samstag aus dem Krankenhaus entlassen werde, machte ich gleich einen Termin mit meinen Freunden zum Weggehen aus. Ich bin sofort nach meiner Entlassung abends mit meinen Freunden losgezogen. Nach etwa einer Stunde bekam ich aber so starke Schmerzen, dass ich es nicht mehr aushielt. Da ich keine andere Versorgung kannte, redete ich mir immer wieder ein, dass ich damit zurechtkommen muss. Lange Jahre hatte ich auf Grund der Prothese immer Stumpfschmerzen durch Druckstellen und es scheuerte. Ich denke, man kann sich im Laufe der Zeit an einen gewissen Schmerz gewöhnen. Dadurch, dass mein Wille so stark war, habe ich irgendwie alles durchgestanden und auch zum Teil meinen Zustand „etwas“ vergessen.
1991/92 erhielt ich dann das erste Mal eine neue Prothese ohne Oberschaft, mit der ich überhaupt nicht zurecht kam. Daraufhin griff ich wieder auf meine alte Versorgung zurück. Ich habe auch viel an der Prothese selbstgebastelt und geschraubt, sozusagen eigene Wartung betrieben, weil ich nicht wusste, dass es eine Art Service zur Prüfung der Funktionen überhaupt gibt. Meinen Weg zum Orthopädietechniker schlug ich nur ein, wenn gar nichts mehr ging. Da meine Eltern selbständig waren und eine Land- und Gastwirtschaft betrieben, musste ich dort immer mithelfen. Da fragte keiner, wie es mir geht.

Gab es für Sie weitere persönliche Veränderungen?

Ja absolut. Es hat sich sehr viel für mich verändert, da ich aktiver Fuß- und Handballer war. Das war erst mal total auf Eis gelegt. Und Sport war für mich ein unheimlich wichtiger Bestandteil im Leben. Meine Freunde nahmen mich zwar zum Skilaufen mit, aber ich war halt immer langsamer. Beim Fußballspielen oder Wandern fingen in kürzester Zeit die starken Schmerzen an. Ich war in jeglicher Hinsicht eingeschränkt. Ich machte mir auch Gedanken wegen einer Freundin, wie reagieren die Mädels darauf…?

Wie verhielt sich Ihr Arbeitgeber?

Ich hatte in dieser Beziehung sehr viel Glück. Der Unfall passierte während meiner Ausbildungszeit. Da ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinem damaligen Chef hatte, wurde meine Stelle für das fehlende Jahr freigehalten. Somit setzte ich ein Jahr aus und meine Ausbildung verschob sich dann um diesen Zeitraum nach hinten. Ein Jahr ging für mich dann – so ausgedrückt – verloren.

Wie haben Sie auf neugierige Menschen reagiert?

Viele Jahre konnte ich das Wort „Amputation“ nicht aussprechen. Wenn mich jemand z. B. auf mein Humpeln ansprach, das ich bei starken Schmerzen nicht unterdrücken konnte, gab ich immer zur Antwort, dass ich beim Fußballspielen verletzt wurde oder vor Jahren einen Verkehrsunfall hatte. Ich versuchte meine Amputation so gut es ging, auch unter Schmerzen, zu verstecken. Es wusste fast niemand, dass ich amputiert bin. Es sprach mich auch eher selten jemand darauf an. Ich kann jetzt offener damit umgehen.

Was denken Sie waren die Gründe für Ihre Verschlossenheit?

Ich führe das noch auf meinen Krankenhausaufenthalt zurück, da ich damals niemanden mit dem gleichen Problem hatte. Das Wort Amputation habe ich ja nie in den Mund genommen, es war einfach nicht vorhanden und von mir verdrängt. Mir fehlte damals die wichtige, psychologische Betreuung, jemand der mich richtig verstanden hätte.

Was ist Ihnen das wichtigste im Hinblick auf Ihre Prothese?

Keine Einschränkungen für mein Leben und eine Prothesenversorgung ohne Schmerzen zu haben. Ich kannte vorher weder das Silikonlinerschaftsystem noch eine angepasste Prothese, die Druckstellen verhindert oder wie jetzt bei mir, solche ausschließt. Ich hatte ja lange Zeit Stumpfschmerzen, die möchte ich nie mehr haben! Trotz meiner optimalen Versorgung, bin ich immer für technische Neuerungen offen und möchte alles kennenlernen.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Sehr gut. Das sieht man doch, oder? Mit meiner neuen Prothesenversorgung geht es mir immer besser. Mit meiner Familie, im Job, Urlaub und Freizeit bin ich viel ausgeglichener. Ich habe jetzt endlich Gleichgesinnte kennengelernt. Vorher kam ich mir vor, als wäre ich der einzige Beinamputierte der Welt. Ich bin richtig aktiv und seitdem ich keine Schmerzen mehr habe viel flexibler.

Wie nutzen Sie Ihre Freizeit?

Auf Grund meiner verantwortungsvollen beruflichen Position bin ich auch außerhalb der Arbeitszeiten noch oft beruflich eingebunden, den größten Teil meiner verbleibenden Freizeit verbringe ich dann mit meiner Familie, Freunden und meinen beiden Söhnen, die mich ganz schön auf Trapp halten, in den Bergen wandern oder mountainbiken. Zudem bin ich Trainer einer D-Junioren-Fußballmannschaft. Die Jungs im Alter von 12-13 Jahren, trainiere ich zweimal die Woche.

Was ist Ihre Motivation, sich im stolperstein vorzustellen?

Es soll für alle Betroffenen ein Ansporn sein, sich selbst zu motivieren. Es ist nicht immer einfach, aber wichtig. Man sollte sich nicht selbst aufgeben und versuchen, zu der Amputation zu stehen. Nur wenn versucht wird, das Problem zu verstecken, so wie ich es jahrelang schaffte, ist dies eine persönliche Einschränkung. Einen offenen Umgang mit dem Problem möchte ich jedem raten.

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