Gunther Belitz – Chefredakteur des Magazins HANDICAP

Interview mit dem Chefredakteur des Magazins HANDICAP

Gunther Belitz ist nicht nur Chefredakteur des Magazins HANDICAP, sondern auch Weltmeister und Paralympics-Sieger im Hoch- und Weitsprung. Er ist sich sicher: “Auf einem Bein kann man nicht stehen”.

Wie kam es zu Ihrer Amputation?

Mich hat es im Alter von acht Jahren beim Baden in Australien „erwischt“. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn es handelte sich um einen der seltenen Fälle einer unangenehmen Bekanntschaft zwischen Fisch und Mensch. Nach mehreren Operationen war dann die Oberschenkelamputation perfekt.

Glauben Sie, dass es für amputierte Kinder einfacher als für Erwachsene ist, eine Amputation psychisch zu verarbeiten und sich physisch damit zurecht zu finden?

Ich meine, das hängt sehr von den Charakteren und weniger vom Amputationsalter ab. Ich kenne jedenfalls viele Menschen, die erst als Erwachsene beinamputiert wurden und mit ihrem Handicap sehr gut zurecht kommen.

Wer stand Ihnen zur Seite? Was haben diese Menschen getan, um zu helfen und Sie zu motivieren?

In erster Linie haben mir meine Eltern geholfen und zwar vor allem dadurch, dass sie mich nicht anders behandelt haben als etwa meinen Bruder. Das Handicap spielte in der Familie eigentlich keine Rolle. Erst später habe ich erfahren, dass sich meine Eltern gegen Nachbarn zur Wehr setzen mussten, die sie wegen Verletzung der Aufsichtspflicht verklagen wollten, weil ich als Kind so gerne auf Bäumen herumgeklettert bin.

Wie haben Sie sich selbst motiviert?

Ich glaube, ich habe früh begriffen, dass eine Behinderung keine schicksalhafte Katastrophe sein muss. Ich habe mein Handicap von vornherein als etwas Besonderes, ja manchmal sogar als spezielle Fähigkeit und interessantes „Extra“ empfunden.

Wie war Ihre erste Prothesenversorgung?

Schrecklich! Die erste Prothese war eine steife, stählerne Stelzfuß-Konstruktion, mit der ich mehrmals in Gully-Löchern „abgetaucht“ bin. Der Stumpfstrumpf wurde mittels einer Handkurbel auf Spießen aufgerollt, um den Stumpf im Schaft zu fixieren. Im kriegslazarettartigen Sanitätshaus mit den schmuddeligen Vorhängen fühlte ich mich als Kind völlig verloren. Auch später bin ich dann noch fast 15 Jahre mit einem Holzbein herumgelaufen, das man genau so hätte 1945 bauen können. Ein Trauerspiel!

Dennoch haben Sie schon als Kind intensiv Sport getrieben.

Klar, beim Fußballspielen war mein Holzbein als „Blutgrätsche“ gefürchtet. Im Ernst: Ich habe im Verein Fußball und Tischtennis gespielt und bin geschwommen. An Behindertensport habe ich dabei nie gedacht. Und ehrlich gesagt, habe ich mich bei meiner ersten Teilnahme an einem Behindertensportfest 1981 auch zum ersten Mal richtig behindert gefühlt.

Wie haben Sie es zu einem erfolgreichen amputierten Sportler gebracht?

Seit Anfang der 80er Jahre wehte ein frischer Wind im Behindertensport. Es gab immer mehr junge Leute, die wie ich ernsthaft Leistungssport betreiben und professionell trainieren wollten. Als Hochspringer hatten wir die Chance, uns bei den großen Meetings der Nichtbehinderten unter Beweis zu stellen, und die Paralympics 1988 in Seoul waren ein erster internationaler Höhepunkt im Behindertensport. Als Leistungssportler mit einem Bein war es für mich gerade in diesen Pioniertagen wichtig, in der Öffentlichkeit und in den Medien deutlich zu machen, dass ein Handicap keine große Hürde bedeuten muss. Beim Hochsprung jedenfalls ist jemand, der 20 Kilogramm Übergewicht hat, sicher stärker behindert als ich.

Was waren Ihre größten sportlichen Erfolge?

Neben zwei Weltmeistertiteln im Hochsprung war sicher die Goldmedaille im Weitsprung bei den phantastischen Paralympics 1992 in Barcelona ein absolutes Highlight für mich. Aber auch über meine Bronzemedaille im Hochsprung bei den Paralympics 2000 in Sydney habe ich mich sehr gefreut.
Als Journalist beschäftigen Sie sich auch beruflich mit Themen wie Behindertensport und Beinprothetik…
Ja, ich habe schon während meines Studiums für Radio und Fernsehen gearbeitet und nebenbei eine Zeitschrift für Beinamputierte herausgegeben. Seit einigen Jahren bin ich Chefredakteur des Magazins HANDICAP, das ich mit meinem Partner Volker Neumann zusammen in einer eigenen Verlagsgesellschaft übernommen habe. Wir werden HANDICAP als führendes Informations- und Lifestylemagazin für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen in Deutschland weiter ausbauen und verbessern.

Welche inhaltlichen Ziele verfolgen Sie mit HANDICAP?

Behindert ist man nicht, behindert wird man! In unserer Gesellschaft gibt es nach wie vor viele Barrieren, für deren Überwindung es sich lohnt, zu kämpfen. Mit HANDICAP versuchen wir dazu beizutragen, Menschen mit Einschränkungen Lebensfreude und Lebensqualität zu vermitteln und zu zeigen, dass behinderte Menschen interessant, leistungsfähig und aktiv sind. Es versteht sich von selbst, dass wir die Belange von beinamputierten Menschen redaktionell besonders stark berücksichtigen. In allgemein verständlicher und unterhaltsamer Weise stellen wir neue Produkte vor, porträtieren prominente Persönlichkeiten und „Stars des Alltags“, informieren über die wichtigsten Trends in der Orthopädie-Technik und scheuen uns auch nicht, knifflige Themen wie „Probleme mit der Kostenübernahme“ oder „Amelotatismus“ aufzugreifen.

Sind Sie mit Ihrer heutigen Prothesenversorgung zufrieden?

Es hat sich viel getan in den letzten Jahren. Für mich ist zum Beispiel die Liner-Technologie ein entscheidender Schritt gewesen. Mit Linern habe ich auch als Oberschenkelamputierter mehr Komfort im Schaft und vor allem die Sicherheit, dass ich nicht mehr aus der Prothese rutsche. Das macht sich vor allem beim Fahrrad fahren, eine meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen, positiv bemerkbar. Auch durch Stoßdämpfer, energiespeichernde Füße und andere elastische Passteile ist das Leben für Beinamputierte bequemer und das Gehen leichter geworden. Gespannt bin ich auf die weitere Entwicklung mikrochipgesteuerter Prothesensysteme. Einen großen Nachholbedarf sehe ich beim ästhetisch ansprechenden und zugleich haltbaren Design von Prothesen.

Welche Erfahrungen oder Ratschläge würden Sie anderen Beinamputierten mit auf den Weg geben?

Man sollte sein Handicap nicht verstecken und stattdessen zeigen – so hat es Aimee Mullins* einmal ausgedrückt –, dass man nicht trotz, sondern wegen seiner Behinderung schön, erotisch und stark sein kann. Grundsätzlich halte ich es für wichtig, mit dem Thema „Behinderung“ unverkrampfter und selbstironischer umzugehen. Ich kann das „politisch korrekte“ Gerede über die Integration von Behinderten in die Gesellschaft kaum mehr hören. Menschen mit Handicaps sollten frecher und subversiver sein und ihre (Außenseiter-) Chancen besser nutzen lernen.
* Anm. der Red.: Aimee Mullins aus New York, beidseitig unterschenkelamputiert, ist erfolgreiches Model sowie Paralympics-Sportlerin. Das Magazin “People” wählte sie 1999 zu einem der 50 schönsten Menschen der Welt.

Ihr Lebensmotto?

Auf einem Bein kann man nicht stehen!

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