Mandy Küsel – Eine Frau geht ihren Weg mit Prothese

“Eigentlich geht fast alles, was vorher auch ging, nur eben anfangs viel langsamer”

Mandy Küsel wurde 1997 nach einem Unfall auf dem Moped oberschenkelamputiert. Seitdem hat sich ihr Leben verändert – und das nicht unbedingt zum Negativen. Heute ist sie Sporttherapeutin und Gehschultrainerin für Menschen mit gleichem Schicksal.

Mit jungen 20 Jahren wollte Mandy einen entspannten Urlaub mit ihrem damaligen Freund in Griechenland verbringen, Sonne, Strand, Land und Leute genießen und einfach die Seele baumeln lassen. Doch manchmal kommen die Dinge anders als man denkt und als man es je erwarten würde. Sie liehen sich ein Moped aus und hatten unverschuldet einen Unfall. Die Folge: Ihr linkes Bein konnte nicht gerettet werden und ihr Oberschenkel musste amputiert werden.

Wie haben Sie sich nach der Amputation motiviert?

Drei lange Monate verbrachte Mandy im Krankenhaus. Im Anschluss folgten eine Nachamputation sowie vier Wochen in der Rehabilitationsklinik. Dann durfte sie endlich nach Hause. Heim zu ihren Lieben, die zwar geschockt auf die Nachricht der Amputation reagierten, sie aber glücklich wieder in die Arme schließen konnten. Denn Mandy lebte, der Eingriff hatte ihr das Leben gerettet. „Das ist ein wichtiger Punkt, den viele „Frisch-Amputierte“ häufig verdrängen. Sie leben noch und die Entfernung eines Körperteils, das nicht zu retten ist, bildet meist den Grund dafür“, erklärt Mandy im Gespräch mit der Stolperstein-Redaktion.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Amputation reagiert?

Die Erfahrungen, die Mandy unmittelbar nach dem Ereignis in ihrem Umfeld sammelte, sind insgesamt sehr positiv. „Vielleicht liegt das auch an meiner Art, denn ich habe immer versucht, die Amputation nicht in den Vordergrund meines Lebens zu stellen“, sagt Mandy. Im Gespräch berichtet sie außerdem, dass sowohl Familie als auch Freunde ihr immer das Gefühl vermittelt haben, mit einem Bein genauso wertvoll wie mit zwei Beinen zu sein.

Negative Reaktionen, so Mandy, habe sie glücklicherweise selbst nicht erfahren müssen, jedoch von anderen Betroffenen gehört, die diesbezüglich nicht so viel Glück hatten. „Ich glaube, Menschen, die sich negativ über jemanden mit Handicap äußern, wissen gar nicht, wie schnell sie selbst betroffen sein können. Man kann sich sein Schicksal nicht aussuchen; niemand kann das“, erklärt Mandy.

Was hat Ihnen nach der Amputation geholfen?

Gerade zu Beginn dieser neuen Situation rät Mandy Gleichgesinnten, den Kontakt zu anderen Amputierten zu suchen, um sich auszutauschen. „Es gibt inzwischen so viele tolle Selbsthilfegruppen in Deutschland, die mit den früher volksmündlich bezeichneten „Jammergruppen“ gar nichts mehr gemein haben.

Junge und ältere Menschen finden dort gleichermaßen Anschluss, erhalten wertvolle Informationen sowie Tipps und Hilfen für den Alltag“, so Mandy. Die Teilnahme ist zudem kostenlos und in der Regel finden Amputierte schnell eine Gruppe in ihrer Nähe.

Wie hat die Amputation Ihr Leben verändert?

Die Amputation beeinflusste Mandy sehr stark in ihrem beruflichen Werdegang, denn erst dadurch ist sie zu ihrem Job gekommen. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Sporttherapeutin und Gehschultrainerin kann sie Amputierten nicht nur vermitteln, wie sie richtig und sicher mit ihrer Prothese gehen, sondern vor allem, dass das überhaupt möglich ist. Sie zeigt auf, was mit – bzw. durch die Prothese machbar ist und freut sich dabei immer wieder über die hohe Motivation, die sie auslöst. Generell hat Mandy die Möglichkeit, wertvolle Tipps rund um Amputation, Prothese sowie den Alltag mit Prothese an Patienten weiterzugeben – eine Aufgabe, die sie sehr erfüllt.

Welche Erfahrungen und Ratschläge möchten Sie anderen Amputierten mit auf den Weg geben?

„Ein paar Worte möchte ich anderen Amputierten bei dieser Gelegenheit gerne noch weitergeben“, erklärt Mandy am Ende unseres Gespräches. „Gerade am Anfang fühlt sich vieles oft so schwer, kompliziert und aussichtslos an. In dieser Situation darf man den Kopf nicht hängen lassen, denn das ändert sich wieder! Der schlimmste Feind des eigenen Vorankommens ist die Angst! Oft muss man sich überwinden etwas zu versuchen und ist dann erstaunt, dass es ja doch geht (z. B. Straßenbahn fahren, mit nur einer Stütze statt mit zwei oder über eine Wiese gehen).

Je mehr Kraft und Mut man in die Bewältigung dieser neuen Lage investiert, desto leichter wird es – das erlebe ich täglich im Rahmen meiner Arbeit und ich habe es an mir selbst erlebt. Man kann über die neue Situation trauern, das ist normal. Aber all die Trauer macht den Verlust eines Körperteils nicht rückgängig. Betroffene sollten sich nicht fragen „warum ich?“, sondern lieber über Ziele nachdenken. „Wo möchte ich in einem Jahr sein, was möchte ich in dieser Zeit schaffen?“ Dieses Verfolgen und Erreichen von eigenen Zielen motiviert ungemein. Man muss sich bemühen, sich zusammenreißen, darf sich nicht gehen lassen und auch keine Ausreden finden für all das, was man vielleicht nicht auf Anhieb kann.

Eigentlich geht fast alles, was vorher auch ging, nur eben anfangs viel langsamer. Die Geduld für all das muss man aufbringen. Wichtig ist, dass man so viel wie möglich selber macht und versucht, immer ein bisschen aktiver zu werden, als man es noch am Vortag war. Das gebe ich an die Teilnehmer meiner Kurse weiter und ich möchte es auch den stolperstein-Lesern auf den Weg geben. Vielleicht kann ich hier und da ein bisschen Mut vermitteln, das würde mich sehr freuen“.

Die stolperstein-Redaktion sagt Danke für das intensive Gespräch.

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