Paul Schwiedernoch – Glücklich mit Prothese

„Ich bin glücklich mit Prothese“

Obwohl Paul Schwiedernoch vor 38 Jahren seinen Unterschenkel verlor, lebt er ein Leben fast ohne Einschränkungen.

Was betreiben Sie für Sport oder Aktivitäten?

Bergwandern und Klettern sind seine Leidenschaft, Schwimmen auch, ebenso Fahrradfahren und Tanzen. Nicht schlecht für einen mittlerweile 73-jährigen Rentner. Auffällig an Paul Schwiedernoch aus Südhessen sind jedoch nicht seine vielen Aktivitäten oder wie selbstbewusst er das Alter hinter seinem charmant-spitzbübischen Lächeln verschwinden lässt. Vielmehr ist es die Energie und die Präsenz des Mannes, die den Betrachter gefangen nimmt und die von seinem körperlichen Handicap ablenkt, als spiele dieses für ihn im täglichen Leben überhaupt keine Rolle: Paul Schwiedernoch ist unterschenkelamputiert. Es ist das Ergebnis eines Unfalls. Sein Fahrrad wurde von einem Auto erfasst, die Ärzte konnten sein Bein nicht mehr retten.

Wie lange haben Sie schon eine Prothesenversorgung?

Seit 38 Jahren trägt Schwiedernoch eine Prothese. Er trägt sie so selbstverständlich, wie ein Kleidungsstück. Nur ein geschultes Auge würde das Hilfsmittel am rechten Bein bemerken. „Meine Prothese sitzt aber auch perfekt“, strahlt er. „Ich fühle mich sehr beweglich und sicher.“ Und wie zum Beweis schreitet er mächtig in Richtung des Kaffeehauses aus, das zuvor von ihm als Ziel vorgegeben wurde.

Seine Selbstständigkeit und die Unauffälligkeit, mit der er ohne Hilfestellungen den Alltag lebt, sind für den ehemaligen Bankkaufmann enorm wichtig. „Ich bin ein glücklicher Mensch, ich möchte mein Leben ohne Einschränkungen leben.“

Sind Sie mit Ihrer heutigen Prothesenversorgung zufrieden?

Paul Schwiedernoch weiß, dass er dafür einiges tun muss. Der Stumpf muss täglich sorgfältig gepflegt, die Prothese gewartet und der Stumpf regelmäßig auf Volumenschwankungen überprüft werden. In dieser Sache ist der Ehemann und Vater einer Tochter akkurat. Und das erwartet er auch von seinen Ansprechpartnern im Sanitätsfachhandel, bei dem er verlässlich zur Kontrolle kommt. Mehrmals hat er das Geschäft gewechselt, war nicht ganz glücklich über die Beratung und den Service: „Wenn ich einen Termin abmache und pünktlich bin, möchte ich gleich drankommen und nicht erst eine dreiviertel Stunde warten“, sagt Schwiedernoch. „Und ich möchte, dass die Leute etwas davon verstehen, was sie tun“. Trotz der Schelte will ihm ein empörter Gesichtsausdruck nicht so recht gelingen. Dafür geht es ihm einfach zu gut.

Daran ist Jürgen Weickel (47), Orthopädietechnikermeister im Sanitätshaus Janz in Bensheim nicht ganz unschuldig. Seit er sich des rüstigen Rentners angenommen hat, ist alles zum Besten bestellt. Er hat die aktuelle Prothese angefertigt und achtet peinlich genau darauf, dass sie seinem Patienten auch dauerhaft optimalen Tragekomfort garantiert. „Alle sechs Monate kommt Herr Schwiedernoch zu mir. Ich messe verschiedene Stumpfmaße nach, sehe mir den Zustand des Schaftes und der kompletten Prothesenbauteile an und überprüfe die Sitzfestigkeit“, erklärt Weickel.

Die Prothese, die er für seinen Kunden angefertigt hat, hält mittels und Liner sicher am Stumpf, indem ein Vakuum erzeugt wird. Aber alles – inklusive Luftausstoßventil – wird von dem Experten gecheckt: „Wenn hier nicht alles exakt passt, muss der Patient darunter leiden. Das verhindere ich durch die regelmäßige Kontrolle.“

Was ist Ihnen das wichtigste im Hinblick auf Ihre Prothese?

Die Gewissenhaftigkeit von Weickel färbt ab. Wenn der Wecker morgens um neun das Ehepaar aus dem Schlaf holt, widmet sich Schwiedernoch erst einmal seinem Stumpf. Bevor er in die Prothese steigt, reibt er gerötete Hautstellen mit einer Spezialcreme ein. Die spezielle Creme aus Bienenwachs, Kokosöl und Kamille vermindert Reibungen mit dem Schaft und verhindert so Hautreizungen. Bevor er die Prothese anlegt zieht er sorgfältig und faltenfrei den Liner, das Verbindungsstück zur Prothese, an. Alle sechs Monate bekommt er ein neues Exemplar.

Diese Sorgfalt sichert ihm seine Mobilität.

Fahrradtouren, auch wenn sie über 15 Kilometer gehen, können ihn nicht schrecken. „Mein Rad verfügt über eine Akku gestützte Trethilfe, so bin ich am Zielort immer ausgeruhter, als meine Frau“. Für einen störungsfreien Auf- und Abstieg sorgt ein automatisch hoch- und runterfahrender Sattel.

Wie gestalten Sie Ihre sportliche Freizeit?

Das Klettern hat er aufgegeben, das Schwimmen auch. Im Freibad hat er ohnehin immer den Behindertenbereich gemieden. Behindert hat er sich nie gefühlt. Am meisten fehlt dem aktiven Mann, der sich aufgrund Diabetes etwa fünfmal am Tag selbst Insulin spritzen muss, das Tanzen. Seine Prothese hat ihn dabei noch nie gestört, sagt er. Und man glaubt es. Tanzen, das ist deutlich an dem strahlenden Gesicht von Paul Schwiedernoch zu sehen, ist schon immer die kleine Wolke gewesen, die er bestiegen hat, um eine ganz persönliche Form von Schwerelosigkeit zu erlangen.

Sogar als Lehrer war er gefragt. Es waren Freunde, die Walzer, Foxtrott und bestimmte Volkstänze lernen wollten. Zwei Jahre hat er benötigt: „Dann hatten sie es drauf“, sagt er stolz.

Gut, das ist nun vorbei. Nach einem Schlaganfall vor einiger Zeit lässt er es jetzt schon manchmal etwas ruhiger angehen. Rätselraten ist seine große Passion geworden. „Ich mache aber nur dort mit, wo ich etwas gewinnen kann“, bemerkt er grinsend. Immerhin: einmal hat er 250 Euro gewonnen, einmal ein funkelnagelneues Radio und dazu kleinere Überraschungen.

Aber jetzt geht es auf den Sommer zu. Mit Ehefrau Andrea wurden schon Pläne geschmiedet. Mallorca, Griechenland, Österreich, Spanien ade – alles schon gesehen. Dieses Jahr geht es an die Nordsee. Natürlich mit eigenem Auto – es wurde auf die Anforderungen eines Prothesenträgers umgebaut. Das Fahrrad kommt mit. Genauer: ein Klapprad. Paul Schwiedernoch hat es im Internet ersteigert. „Ein Schnäppchen. Nur ein Viertel des regulären Ladenpreises habe ich bezahlt“, lacht er vergnügt.

An der See gibt es Fisch. Den isst Paul Schwiedernoch gerne. Aber er freut sich auch immer wieder auf Zuhause. Da macht ihm Ehefrau Andrea dann sein Lieblingsgericht: Wurstsalat mit Bratkartoffeln.

Was für ein Leben!

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