Tino Käßner – der Sportler mit dem “Roboterbein”

“Wenn du es tatsächlich geschafft hast, ist es unbeschreiblich”

tino käßner
"Wenn du dann über den Zielstrich rollst, ist das Gefühl unbeschreiblich."
tino käßner
"Wer seine Behinderung offen zeigt, geht auch offen damit um!"

Murnau im Alpenvorland. Marina und Anne haben nach ihrer Alpenüberquerung Lust auf ein weiteres Mountainbike-Abenteuer. 60 Kilometer wollen sie fahren und dabei reichlich Höhenmeter machen. Tino Käßner freut sich auf diese Tour. Er liebt das Cruisen durch die Berge. Nach seiner Karriere als Bundeswehrsoldat und Leistungssportler ist er jetzt als Bike-Guide unterwegs.

 

Was war geschehen? Eine Rückblende

Tino Käßner, geboren 1974, trat nach seiner Tätigkeit als Installateur im Jahr 2000 bei der Bundeswehr ein. Da die wirtschaftliche Situation in Chemnitz nicht optimistisch stimmte, hat er in diesem Beruf als Soldat eine Zukunft gesehen. Nach seiner Ausbildung zum Feldjäger, Fallschirmspringer und Personenschützer wurde Tino Käßner im Sommer 2004 zum Berufssoldaten ernannt. Für seinen Einsatzort konnte er sich zwischen zwei Standorten entscheiden. Eckernförde oder Murnau. Das Panorama, die Landschaft, die Sonne – schnell fiel die Entscheidung für Murnau, das nun einen begeisterten Neu-Bayern mehr hatte. 2005 flog Tino Käßner zu seinem dritten Einsatz nach Afghanistan. Auf einer Patrouille wurden er und seine Kameraden Opfer eines Selbstmord-Attentäters. Es gab Tote und Verletzte. Tino Käßner erlebte alles bei vollem Bewusstsein. Auch er wurde schwer getroffen.
Später musste sein rechter Unterschenkel amputiert werden. Dass etwas mit seinen Beinen passieren könnte, war das Schlimmste, was sich der sportlich aktive Soldat vorstellen konnte. Das wusste auch seine Frau Antje. Als Tino nach sechs Tagen und ohne rechten Unterschenkel aus dem Koma erwachte, sagte er sich: „Jetzt ist es so. Machen wir das Beste draus.“ Bis heute ist es dem 42-Jährigen nicht klar, wie es ihm gelang, sein Schicksal so pragmatisch und positiv anzunehmen. Und während die Psychologen noch grübeln, macht sich der Mann wieder auf die Piste.

Schau nach vorn

Über das Geschehene hat das Ehepaar Käßner das Buch „Wofür wir kämpfen“ geschrieben. Tino Käßner fühlt sich nicht als Held. Er ist aus dem aktiven Dienst der Bundeswehr als Pensionär entlassen worden. Doch ganz klassisch hat er als Rentner niemals Zeit. Seine Familie ist längst im neuen Leben angekommen. „Ich nehme mein Schicksal an und mache das Beste daraus. Das ist die einzige Empfehlung, die ich allen Menschen mit Handicap geben kann. Behinderung ist nur ein Wort. Was passiert ist, kann niemand rückgängig machen. Schau nach vorn.“
Zwei Jahre nach der Rehabilitationszeit stieg Tino wieder auf sein Rad. Das war 2007. Er nutzte die Chance, sich mit guten Leistungen für die Paracycling-Mannschaft zu empfehlen. Bis 2012 war Tino Käßner als Leistungssportler Mitglied der Deutschen Paracycling Nationalmannschaft. 2008 wurde er Deutscher Meister im 1000 Meter Bahnsprint. 2011 nahm er an den Bahn Weltmeisterschaften im italienischen Montichiari teil. Die Qualifikation zu den Paralympics 2012 hat Tino knapp verpasst und dann auch mit dem Leistungssport aufgehört.

Aktiv ist er jetzt immer noch, im sogenannten „Käßner‘schen Wohlfühlbereich“ – dazu gehören Staub, eine beachtliche Zahl Höhenmeter, eine ordentliche Portion Motivation und extra viel Mut.
Das „Cape Epic“ ist das härteste Mountainbike-Rennen der Welt. 2015 war es sein Rennen. Gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Jan Sallawitz absolvierte Tino Käßner als erster deutscher Para-Athlet das Etappenrennen mit 800 Kilometern und 16.000 Höhenmetern rund um Kapstadt. Tino fährt mit einem Click-Schaft. Als Profi lässt er sich weder von der Anfangshektik eines Rennens noch von unkontrolliertem Fahren anstecken. Er fährt sein Tempo und hat damit Erfolg. Die Beständigkeit macht’s. „Wenn auf schwerer Strecke jemand plötzlich vor mir stehen bleibt, lasse ich mich langsam in den Sand fallen. Das ist sicherer. Ich komme nicht so schnell aus dem Click raus. Wenn ich mich ruckartig bewegen muss, könnte es passieren, dass ich durch die Drehbewegung aus dem Schaft rutsche, weil sich so viel Schweiß angesammelt hat. Ich fahre ohne Vakuum. Das wäre mir sonst zu fest ums Knie.“ Der Liner hat acht Etappen lang gehalten. Der Fahrradschlauch nicht. „Wenn Du dann über den Zielstrich rollst, ist das Gefühl unbeschreiblich. Du hast es geschafft.“ Das Team Käßner/Sallawitz kam im guten Mittelfeld an.

tino käßner
"Jetzt ist es so, machen wir das Beste draus"
tino käßner
"Kurze Hosen sind kein Problem, da kommen neue Füße besser zur Geltung."
Tino Käßner im Interview mit stolperstein
Tino Käßner im Interview mit stolperstein

Der Sportler mit demRoboter-Bein“

Eine allgemeine Materialempfehlung für die Prothese hat Tino Käßner nicht. Jeder Schaft ist individuell, jede Haut anders sensibel. Wichtig ist, dass sich der Prothesenträger mit dem Material wohlfühlt.
Der Familienvater gehört zu jenen Anwendern, die gerne etwas ausprobieren. Seine 2007 geborene Tochter kennt ihren Vater nur mit dem „Roboter-Bein“, wie die Kinder im Kindergarten oft gesagt haben. Er versteckt seine Prothese nicht. „Kurze Hosen sind kein Problem. Dann kommen auch neue Füße viel besser zur Geltung.“ Tino spürt, wie leicht sich ein Fuß läuft, wie das Verhältnis vom Vorfuß zur Ferse eingestellt ist, ob die Kraft gut übertragen wird und ob er damit sowohl im Garten als auch auf dem Dach arbeiten kann. Seinen Techniker Christian Weiß von der Mödl Orthopädie-Technik GmbH kennt Tino Käßner schon seit zehn Jahren. Gemeinsam tüfteln sie an allen Herausforderungen – und manchmal mit überraschenden Ergebnissen, wenn die Prothese einfach mehr kann als erwartet, leichter ist und flexibel alles mitmacht, was der anspruchsvolle Anwender erwartet.
Interessant war für Tino Käßner, der auch als Messe-Model aktiv ist, die OTWorld Orthopädie-Messe in Leipzig im Mai 2016. „Dort wurde ein neues System zur Erstellung von Gipsabdrücken unter Vollbelastung durch das Körpergewicht vorgestellt. Das fühlte sich so an, als würde ich in der Prothese stehen. Darüber mit Anwendern und Technikern zu sprechen, war sehr wichtig für mich. Ich konnte etwas von meinen Erfahrungen weitergeben.“

„Mein Haus-Fuß ist halt bequem.“

„Wer seine Behinderung offen zeigt, geht auch offen damit um,“ lautet die Maxime von Tino Käßner. Wenn Kinder wissen wollen, was er „da hat“, registriert er die Verlegenheit der Erwachsenen und erklärt, wie eine Prothese funktioniert. Tino Käßner hat einige davon, auch einen gemütlichen „Haus-Fuß“. Fürs Kajakfahren oder Bouldern und auf Rad- oder Skitouren wird allerdings handfestes Material gebraucht. „Als Alltagsfuß bewährt sich ein Modell aus Karbon mit einer Art Gummilage, die eingelassen ist. Er ist sehr leicht, extrem flexibel und hat dadurch ein sehr harmonisches Abrollverhalten.“
Die Skilehrerprüfung zu absolvieren, kann sich Tino Käßner gut vorstellen, Joggen hingegen eher nicht. Langdistanzen sind so ziemlich das Einzige, was er sich nicht zutraut. „Mal eine Runde mit dem Hund gehen, das schaffe ich. Aber Marathon-Distanzen lege ich lieber auf dem Rad zurück.“

Nach der Tour ist vor der Tour

Als nächstes könnte ihn der STONEMAN-Trail reizen. Auf einer Strecke von 115 Kilometern und 4.000 Höhenmetern sind fünf Kontrollpunkte zu erreichen. Wer es an einem Tag schafft, bekommt die goldene Trophäe, nach zwei Tagen gibt’s Silber, nach drei Tagen Bronze.
Tino Käßner will alle Etappen an einem Tag meistern und dabei die Landschaft genießen.
Radfahren ist und bleibt seine große Leidenschaft. Besonders spannend wird es, wenn er für seine Gäste Extratouren planen darf, so wie für die beiden Alpenüberquererinnen. Auch für die Mama mit ihren zehn und zwölf Jahre alten Jungs, die schon gebucht hat, wird die Tour ein Erlebnis werden. Das ist sicher. Tino fährt mit jedem, der sich für eine individuell geplante Tour anmeldet. Sogar Gäste mit E-Bikes hat Tino Käßner schon begleitet. „Wenn’s steil wird, fahren sie mir davon. Trotzdem empfehle ich, sorgsam zu prüfen, ob ein E-Bike das richtige Fahrzeug ist. Die Geschwindigkeit wird für einige problematisch und das Bremsen zum Glücksspiel, was es nicht sein darf.“
Tino Käßner ist ein umsichtiger Wettkampftyp und wer mit ihm unterwegs ist, lernt außerdem eine ganze Menge über sich selbst. Was motiviert mich, wovor habe ich Angst und welche Vorurteile gehen über Bord.
Auf seiner Internetseite http://www.tinokaessner-bikeguide.de/lädt Tino Käßner alle Interessierten ein, sich Grundlagen der Fahrtechnik und damit mehr Sicherheit beim Radeln anzueignen. Der Spaß kommt dann ganz automatisch.

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