Christoph Seimetz – Engagiert im Behindertensport Sitzball

Engagiert im Behindertensport Sitzball

Christoph Seimetz ist Sitzballer im deutschen Nationalteam und hat schon so manches schwierige Match gemeistert. Heute berichtet er, wie er die schwierigste Zeit seines Lebens zu einem Erfolg machte.

Herr Seimetz, erzählen Sie uns von sich und Ihrer Amputation!

Am 19. Dezember 1985, nach einem Arbeitsunfall, wurde ich am rechten Unterschenkel amputiert. Ich war damals erst 16 Jahre alt. Ich war gerade in der Ausbildung bei der Straßenmeisterei Koblenz und kam unter den Reifen eines Kehrwagens. Mein rechter Vorfuß musste amputiert werden und ich war zwei Jahre auf Krücken angewiesen. Am 30. Oktober 1987 wurde bei mir bis ca. 15 cm unterhalb des rechten Knies eine Nachamputation vorgenommen. Dies erfolgte auf eigenen Wunsch, da ich vorher jeden Tag Schmerzen hatte und auf dem Vorfußstumpf nur mit Krücken gehen konnte.

Wie erging es Ihnen nach der Amputation, welche Gefühle beschäftigten Sie?

Im ersten Moment war ich froh, dass ich noch lebte, da ich viel Blut verloren hatte. Ich verstand irgendwie auch noch nicht so ganz, was da passiert ist bzw. was sich nun für mich verändert. Nach einigen Tagen kamen auch so langsam immer mehr Selbstmitleid und die Angst, nie mehr Fußball spielen zu können in mir auf, da ich vor dem Unfall ein ganz guter Spieler war.

Stellten Sie sich selbst die Frage „Warum gerade ich?“

Dieses Gefühl kam in mir hoch, als ich das erste Mal alleine zu Hause war. Ich wurde aggressiv und schlug mir meine Hände an den Wänden blutig. Ich ließ mich total hängen. Heute muss ich allerdings sagen, dass mein Leben durch die Amputation viel interessanter geworden ist und ich froh bin über die Erfahrungen die ich machen durfte, positiv wie negativ, denn das hat mich geprägt.

Wie haben Sie sich selbst motiviert, mit der Amputation zu leben?

Etwa ein Jahr nach der Amputation wollte ich orthopädische Turnschuhe haben, da ich keine normalen Schuhe mehr tragen konnte. Das Versorgungsamt, welches für die Genehmigung zuständig war, verlangte dafür von mir, mich im Behindertensport aktiv zu engagieren.
Also erkundigte sich mein Vater nach dem Angebot in Koblenz. Bei der BSG Rot-Weiß Koblenz lernte ich dann Sitzball spielen und kam mit Menschen zusammen, die viel schlimmere Verletzungen hatten, aber total positiv damit umgingen. So kam es auch, dass ich mich nachamputieren ließ und heute echt gut mit der Amputation klar komme. Dann kamen sportliche Erfolge bis hin zur Teilnahme an der Nationalmannschaft im Sitzball hinzu, wodurch ich noch mehr an Selbstvertrauen gewann.

Wer stand Ihnen zur Seite und was haben diese Menschen getan, Sie zu unterstützen?

In erster Linie meine Eltern, besonders meine Mutter. Ein großer Rückhalt waren auch meine Freunde, die mich nie hängen ließen und immer an mich glaubten. Und zu guter Letzt die Sportkameraden im Behindertensport, wo ich alles fand, was man zum Verkraften eines Schicksalsschlages brauchte: Ablenkung, Bezugspersonen, Freunde und auch sehr viel Verständnis. Unwahrscheinlich wichtig war aber auch der sogenannte Tritt in den Hintern, um sich nicht ständig selbst zu bemitleiden.

Wie fühlen Sie sich heute mit der Amputation?

Heute habe ich mir sehr viel Respekt erarbeitet und viele Leute sagen, dass sie mich bewundern, wie offen ich mit der Amputation umgehe. Für mich ist dies aber normal. Alle Amputierten, die ich kenne, machen es ebenso. Ich laufe bei schönem Wetter mit kurzen Hosen herum und zeige auch meine Prothese. Außerdem spielte ich fünf Jahre lang mit Prothese bei Nichtbehinderten Fußball mit und schoss dort auch viele Tore. Seit ein paar Jahren bin ich nun Trainer dort und gehe zweimal die Woche mit einer Spezial-Prothese laufen.
Ich stehe mitten im Leben, habe keine Probleme mit meinem Stumpf, werde hervorragend prothetisch versorgt und ich gehe sehr offensiv mit meiner Behinderung um. Ich mache Nordic Walking, laufe Inline-Skates, jogge und mache alles was mir Spaß macht. Ich bin für jede Herausforderung zu haben und öffne mich gern allem Neuen.

Inwiefern hat sich Ihr Leben verändert?

Ich habe eine viel bessere soziale Einstellung bekommen. Ich setze mich für behinderte Menschen ein, beruflich als Vertrauensperson, sportlich als Funktionär bzw. Übungsleiter und in meiner sonstigen Freizeit als Manager eines Forums bei AOL, das sich mit Behindertensport beschäftigt. Außerdem bin ich sehr ehrgeizig geworden und gebe immer mein Bestes.

Welche Ziele, Wünsche, Pläne haben Sie für die Zukunft, vor allem auch in Hinblick auf Ihr Leben mit der Amputation und auf Ihre Prothesenversorgung?

Rekordnationalspieler im Sitzball werden, noch viele Jahre auf hohem Niveau spielen, weiterhin kaum Probleme mit der Prothese haben. Der Behindertensport darf nicht mehr als Randsportart gesehen werden und ich möchte noch viele Menschen motivieren, Behindertensport auszuüben und zu unterstützen.

Vielen Dank für das Interview!

Categories: Sport mit Prothese

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