Reiten mit Prothese

„Ich nehme jede Hürde – auch mit Prothese“

Nach einer Unterschenkelamputation lebt der Pferdeexperte Manfred Grohs ein Leben fast ohne Einschränkungen.

Unabhängigkeit ist für Manfred Grohs ein besonders hohes Gut. Das Leben begreift er als Geschenk. Wer dem 74-jährigen gebürtigen Österreicher zuhört, erlebt ihn als kernig, diszipliniert, lebensfroh und unerschrocken. Er ist eben einer, der sich viel abverlangt. Einer, der Strenge als Führungseigenschaft versteht. Mit dieser Einstellung hat er seit mehr als einem halben Jahrhundert sehr erfolgreich Pferde trainiert und Reiter im anspruchsvollen Dressur- und Springsport ausgebildet.

Dem Pferdesport gilt seine große Leidenschaft.

Die vielen Fotos an den Wänden seines Bayreuther Wohnhauses legen beredtes Zeugnis ab. Wenn der gelernte Pferdewirtschaftsmeister vom Reitsport spricht, spürt man die Emotion. Vielleicht gibt es nur noch ein einziges weiteres Thema, das Manfred Grohs ähnlich bewegt. Es sind die Ereignisse im Hochsommer 2012: Damals verlor der sportbegeisterte Manfred Grohs zuerst den Fuß, dann wurde ihm der Unterschenkel unterhalb des Knies amputiert.

„Den 20. Juli 2012 werde ich nie vergessen“, berichtet Grohs.

Er hat sich entschlossen, über seine Geschichte zu sprechen, weil sie ihn letztlich noch stärker gemacht hat und – so paradox dies klingen mag – von Zuversicht und Zukunftsfreude erzählt. Grohs nimmt einen Schluck Kaffee. Dann erzählt er, wie er damals mit seiner Frau Verena (44), ebenfalls eine begeisterte Reiterin, an einem Turnier in Chemnitz teilgenommen hat. Nach einem anstrengenden Tag mochte Grohs nur ein paar Minuten ausruhen. Als er wieder aufstehen will, spürt er nur noch Schmerz. „Ich konnte nicht mehr gehen, keinen Meter mehr. Die Schmerzen waren unerträglich“, erzählt er.

Gestützt von seiner Frau erreicht er das Auto. Im sechs Kilometer vom Turnierplatz entfernten Wohnwagen versucht Verena ihrem Mann mit behutsamen Massagen zu helfen. Vergebens. Das Paar alarmiert den Rettungswagen. Die Sanitäter nehmen vorweg, was der Chefarzt der nahen Klinik nach aufwändigen Untersuchungen später diagnostizieren wird: „Es ist ein Verschluss!“ Mögliche Ursachen für eine Beinamputation können Gefäßerkrankungen wie die arterielle Verschlusskrankheit oder eine akute Verstopfung der Arterie sein. Beides ist mit Schmerzen in den betroffenen Extremitäten verbunden. Die arterielle Verschlusskrankheit ist ein langer Prozess. Einlagerungen an den Arterienwänden verengen diese. Die Durchblutung wird dadurch eingeschränkt, bis hin zum Verschluss. Eine akute Verstopfung, eine arterielle Embolie, tritt plötzlich auf, indem ein Blutpropfen die Arterie verschließt.

Manfred Grohs bleibt neun Tage in der Klinik und wird in dieser Zeit fünfmal operiert. Die Chirurgen entnehmen aus dem Arm eine Vene und legen damit einen Bypass am Bein. Sie versuchen den Fuß des Patienten zu retten und scheitern. Als Manfred Grohs am Ende des kräftezehrenden Operationsmarathons zu sich kommt, ist der Fuß amputiert. „Das war ein Zeitpunkt, an dem die Welt für mich nur noch grau war. Ich konnte noch gar nicht begreifen, was mir in diesen wenigen Tagen wiederfahren ist und wie sich jetzt mein Leben weiterentwickeln würde“, erinnert sich Grohs.

Wer stand Ihnen in dieser Zeit zur Seite?

Wenn der sportliche Bayreuther am Wohnzimmertisch seines Hauses über diese Phase spricht, spürt man den Willen, sich nicht von den Emotionen überwältigen zu lassen. Für einen Mann vom Schlage des Manfred Grohs sind diese Gefühle vielleicht deshalb so mächtig, weil er damals zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Hilflosigkeit gespürt hat. Und Dankbarkeit für den Beistand, den er zu diesem Zeitpunkt vor allem von seiner Frau erfuhr. „Sie war immer bei mir. Das war sehr wichtig für mich“, berichtet Grohs und erzählt, wie Verena jeden Tag neben ihrem anstrengendem Beruf als Juristin 160 Kilometer von Bayreuth an das Krankenbett ihres Mannes geeilt ist. Sie war einfach da, sie haben geredet, Angst vertrieben, Zuversicht aufgebaut. Keine einfache Sache. Denn die einschneidendste Nachricht hat Manfred Grohs noch nicht erreicht.

Das geschieht nach seiner Verlegung in das Krankenhaus von Bayreuth. Grohs erfährt, dass auch Unterschenkel und Knie nicht zu retten sind. Am 6. August wird operiert. Drei Wochen liegt der Mann im Krankenhaus. Eine Menge Zeit für Gedanken und die Bilder der Vergangenheit!

Manfred Grohs, der von sich selbst sagt, er sei ein „Bewegungsmensch“, kann sich zu diesem Zeitpunkt nur mit Hilfe Anderer fortbewegen. Er ist auf Gehhilfen und den Rollstuhl angewiesen. Was löst das in einem Mann aus, der mit drei Jahren schon auf den Skiern stand, der als Sporttalent in den österreichischen Nachwuchskader aufgenommen wurde, der zuerst Tischtennis, dann 20 Jahre Handball gespielt hat, der über sich selbst sagt: „Ich brauche die sportliche Herausforderung, die Aktivität“?

Wahrscheinlich sind es diese Momente glasklarer Erkenntnis, in denen sich der Umgang mit der neuen Lebenssituation grundsätzlich entscheidet.

Was ist Ihr Lebensmotto? Wie hat Ihnen das geholfen?

„Ich lebe, ich bin ein wertvoller Mensch und will mich auf das freuen, was ich in Zukunft noch machen kann und nicht dem hinterher trauern, was ich nicht mehr machen kann“, fasst Manfred Grohs sein Credo zusammen. Er wird sich immer sicherer: „Ich kann jede Hürde nehmen – auch mit Prothese.“

Diese Erkenntnis wirkt wie ein Mantra und hilft dem Patienten bei der Genesung. Der Wille, sein Leben nicht aus der Hand zu geben und sich von den Folgen der Amputation nicht beherrschen zu lassen, bestimmen fortan sein Handeln. Schon im Krankenhaus macht er das deutlich. „Ich habe natürlich gesehen, dass ich kein Einzelschicksal bin. Manche meiner Mitpatienten hat es schlimmer erwischt. Die meisten trafen sich regelmäßig außerhalb der Krankenzimmer zum Austausch. Ich habe diese Runden gemieden“, gesteht Grohs. Er gibt sich Mühe, die richtige Erklärung für seine Entscheidung zu finden. „Ich habe gespürt, dass die Konzentration auf die Amputation mich behindert, wieder selbstständig zu werden. Ich brauchte meine Kraft, um möglichst schnell auf einem gesunden und einem künstlichen Bein wieder an einem ausgefüllten Leben teilzunehmen. Keinesfalls wollte ich ein Klagelied anstimmen.“

Wie haben Sie die erste Zeit nach der Amputation erlebt?

Grohs lehnt auch alle Angebote für psychologische Gespräche zur mentalen Unterstützung ab. „Ich wusste ja noch gar nicht wohin meine Entwicklung geht. In erster Linie wollte ich körperlich gesund werden, wieder gehen können, Auto fahren und bei meinen Pferden sein. Und da stand ich ja noch ganz am Anfang“.

Im Zuge der Reha-Maßnahmen wird Manfred Grohs die erste Prothese angepasst. Ein wundervoller Moment, denn das brachte ihn seinem Herzenswunsch ein deutliches Stück näher.

Natürlich hat sich Manfred Grohs in diesen Wochen gequält, hat dunkle Stunden erlebt, gezweifelt und gehadert. Er hat Schmerzen ertragen und auch Enttäuschungen. Aber dank der therapeutischen Unterstützung erreichte er zur Überraschung von Ärzten, Freunden und auch seiner Ehefrau sehr schnell das selbst gesteckte Ziel.

Schon bald bekam Manfred Grohs eine neuartige Prothese angepasst.

Die Gehübungen in der Reha verliefen so vielversprechend, dass dem Patienten bald eine neuartige weitere Prothese angepasst wurde, die mittels einer innovativen Elektronik die Beugebewegung des Knies beim Gehen unterstützt und auf diese Weise einen natürlichen Bewegungsablauf ermöglicht. „Für mich ist das ein großes Geschenk“, bekräftigt Grohs. „Ich habe einen fantastischen Orthopädietechniker-Meister in Bayreuth. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch gewesen. Er hat bei der Anpassung der Prothese herausragende Arbeit geleistet und mir in Verbindung mit der neuesten Technik ein normales Leben ermöglicht.“

Mit der neu erworbenen Bewegungsfreiheit steigt auch das Selbstvertrauen. Manfred Grohs lernt schnell, sich erst im März 2012 – also wenige Monate vor der Amputation – im erworbenen Haus zurechtzufinden: „Das war eine weitere Fügung“, sagt Grohs. „Wir hatten ein solches Glück, vor der Operation das Haus zu finden. Alles ist eben, wir mussten nur für den Rollstuhl ein paar kleine Schwellen ausgleichen.“

Inwiefern beeinflusst die Prothese ihr tägliches Leben?

Grohs trainiert täglich. Noch heute nimmt er zweimal wöchentlich an der Physiotherapie teil. Das stärkt die Muskeln und hält beweglich. Den Stumpf des rechten Beines pflegt er sorgfältig mit Pflegemitteln. Trotz der Ungeduld achtet er darauf, dass die Haut am Schaftrand nicht gereizt wird und beugt mit entsprechenden Pflegemitteln aus dem Sanitätsfachhandel vor. Vor Phantomschmerzen ist Manfred Grohs weitgehend bewahrt geblieben. „Nur manchmal juckt es an der rechten Hacke, die es ja nun nicht mehr gibt.“

Um die Nähe zu den geliebten Pferden auch tatsächlich wieder zu gewinnen, schafft das Ehepaar Grohs ein Auto an und lässt es umbauen: Gaspedal von rechts nach links – fertig. Die Motivation ist enorm – vielleicht ein wenig zu überbordend. Denn nur 14 Tage nach Erhalt des neuen Autos und gut drei Monate nach der Operation düst der engagierte Turnierrichter mit nur wenig Übung, die er sich unter anderem auf dem Reitgelände eines Freundes aneignete, zu seiner ersten Reitabzeichen-Abnahme: 120 Kilometer eine Tour, überwiegend Landstraße. Bei der Hinfahrt geht alles gut. Erst nach Turnierende, unmittelbar bei der Ausfahrt aus dem Gelände, passiert es. Einmal nicht aufgepasst, und in Hochstimmung, kommt Grohs mit der Pedalerie durcheinander und schießt quer über die Straße in einen Crash. 7000 Euro Schaden, das steckt Grohs weg – Begleitschäden auf dem Weg zurück in die Normalität!

Hat sich Ihr Leben durch die Amputation verändert?

Inzwischen ist Manfred Grohs sicher geworden. Mit seinem Auto, im Alltag, im Leben. „Ich kann nicht mehr auf’s Pferd. Das ist aber auch alles. Sonst hat sich nicht viel verändert“, bestätigt Grohs.

Das stimmt nicht ganz. Das weiß der Pferde-Experte auch. Bei allem Selbstbewusstsein schwingt jeden Tag auch ein wenig Dankbarkeit mit. Dass er überall Unterstützung gefunden hat, dass er mit Freunden offen reden kann, dass er seine drei Spring- und ein Dressurpferd täglich selbst versorgen kann, dass er nahezu jede Woche von Mittwoch bis Sonntag in Sachen Pferdesport als gefragter Juror unterwegs sein und mit seiner Frau reisen kann, dass er aus vollem Herzen die Botschaft vermitteln kann: Das Leben hört mit einer Prothese nicht auf, es ist nur ein wenig anders spannend!

Die Augen von Manfred Grohs funkeln beim Abschied vor Lebenslust. Ganz selbstverständlich begleitet er flink und mühelos seine Gäste zur Tür und verabschiedet sie mit kräftigem Händedruck. Er sagt noch: „Ehrlich gesagt fühle ich mich gar nicht behindert, nur etwas eingeschränkt.“

Die Unabhängigkeit ist für Manfred Grohs ein besonders großes Gut. Manchmal gehört dazu auch eine neue Einstellung zum Leben.

Categories: Sport mit Prothese

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