Kampfkunst und Selbstverteidigung

Kampfkunst und Selbstverteidigung – Marcus Scholz

Die Lebensphilosophie der Kampfkünste half Marcus Scholz, sein Schicksal besser in den Griff zu bekommen und es vielleicht manchmal – für wenige Augenblicke – sogar zu vergessen.

Wo und warum sind Sie amputiert?

Ich wurde 1983 am rechten Oberschenkel amputiert. Ich habe, als ich zwölf war, durch einen persönlichen Leichtsinn mein Bein verloren. Zuerst stand ich unter Schock. Nach der Amputation hatte ich Phantomschmerzen. Im Krankenhaus bin ich mit Medikamenten behandelt worden.

Wie fühlten Sie sich nach der Operation?

Diese Frage ist etwas schwer zu beantworten, denn ich war wie gesagt erst zwöf Jahre alt, als sich der Unfall ereignete. Wie soll man sich da fühlen? Ich war zu diesem Zeitpunkt sportlich immer sehr aktiv und der einzige Gedanke fiel auf die Frage: „WARUM?“

Wer stand Ihnen in dieser schwierigen Zeit zur Seite?

Während dieser Zeit haben mich meine Familie, meine Freunde, Schwester Susanne (Stationsschwester), der Oberarzt, sowie mein Orthopädie-Techniker unterstützt.

Wie haben Sie sich selbst motiviert, mit der Amputation zu leben?

Mein erster Gedanke galt dem Fahrradfahren und dem Rollschuhlaufen, dies waren Ziele, die ich mir als erstes gesteckt habe und die ich binnen „kurzer“ Zeit wieder ausüben konnte.

Wie sah Ihre erste Prothesenversorgung aus?

Meine Interims-Versorgung sah folgendermaßen aus: Gipsschaft (queroval) mit 3 cm Wandstärke, Schultergurt, Rohrskelett, Einachskniegelenk, ein starrer Fuß. Dazu muss man anmerken, dass das Bein ohne Kosmetik war!

Was bereitete Ihnen im Alltag die größten Probleme?

Für mich war am Anfang das ganze „Drum- herum“, ja wie soll man es sagen, es war mir unangenehm und peinlich. Wenn man bedenkt, wie ich zunächst versorgt wurde und man sich nun vorstellen muss, man geht in ein Geschäft und möchte sich eine Hose kaufen. Diese musste ich meinem nun „dickerem Bein“ anpassen, dies bedeutete vier Kleidergrößen Unterschied.

Hinzu kam der Gang zur Toilette. Dies war ein heikles Thema. Denn durch die 3 cm Wandstärke meines Gipsschaftes habe ich automatisch einseitig höher auf der Toilette gesessen. Um es mir einfacher zu machen, hielt ich es für richtig, diesem Problem möglichst aus dem Weg zu gehen, indem ich die Prothese einfach vorher entfernte.

Der größte Alptraum war jedoch die Lastübertragung auf das Sitzbein, die ich Anfangs mit den Unterarmstützen ausgeglichen habe, um weitere Strecken zu laufen. Heute kann ich von Glück sagen, dass mir mein damaliger Orthopädie-Techniker die Unterarmstützen weggenommen hat, womöglich hätte ich mich bis zum heutigen Tage nicht von meinen „treuen Gefährten“ getrennt.

Wie geht es Ihnen heute?

Heute fühle ich mich wie jeder andere kerngesunde Mensch. Amputation? Mein Handicap hat mich auf allen Ebenen meines Lebens immer weiter vorangebracht und ist gar nicht mehr wegzudenken.

Haben Sie heute noch Schmerzen bzw. Phantomschmerzen?

Hier kann ich voller Überzeugung sagen, dass mir hervorragende Aloe Vera Produkte für die innere und auch äußere Anwendung empfohlen wurden, die ich seit geraumer Zeit nehme und seither schmerzfrei bin.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Selbstverständlich steht meine Familie an erster Stelle. Gemeinsame Freizeitaktivitäten sind: Fahrrad fahren, Schwimmen, Wandern, Federball, Wasserski, Bowling, Tanzen, Fußball, Squash…

Mein großes Hobby ist außerdem die Selbstverteidigung, die ich in der OFES (Organisation für effektive Selbstverteidigung) durch meinen Freund und Förderer Nils Thate lernte. Die OFES hat sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die Lebensqualität für Menschen, die durch das Schicksal benachteiligt wurden, zu steigern. Eines der wichtigsten Ziele für diese Steigerung ist die Erziehung zur Autonomie, der Selbständigkeit und die Integration von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft.

Haben Sie Tipps, Erfahrungen, Ratschläge oder ein Motto, das Sie anderen Beinamputierten mit auf den Weg geben können?

So schlimm manche Situation auch ist, man sollte sich nicht aufgeben. Für Probleme – sei es bei der Versorgung, im familiären Bereich aufgrund der Amputation etc. – gibt es viele Anlaufstellen und Institutionen, die einem weiterhelfen können. Man muss sich nur informieren.

Wichtig ist auch: Beim Versorgungskonzept mitzuarbeiten, denn der Techniker sollte möglichst individuell auf Wünsche des Patienten eingehen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Mein Motto lautet: Es ist „nur“ ein Handicap, man lebt und soll selbstbewusst seinen Problemen gegenüberstehen, ohne dass die Lebensqualität auch nur in geringster Weise schwindet.

Vielen Dank für das Interview!

Categories: Sport mit Prothese

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