Herbstshooting im fränkischen Seenland

Wenn Prothesenträger zu Models werden

Schönheit ist in jedem Menschen zu finden und kommt vor allem von innen. Niemand beweist das so eindrucksvoll wie die sechs Prothesenträger, die im Oktober im fränkischen Seenland vor der Kamera standen. Sie begeisterten den Fotografen und zogen alle Beteiligten mit ihrer positiven und lebensfrohen Ausstrahlung in den Bann. Sie sind keine professionellen Models, dafür aber umso authentischer.

Am Set ist einiges geboten

Ein klarer Herbstmorgen im Fränkischen Seenland, der Altmühlsee glitzert in der Sonne. In aller Frühe schon sind das Organisationsteam, der Fotograf und die Models aus Bayreuth, Nürnberg und Niedersachsen angereist, um das gute Wetter für Fotos zu nutzen. Die Ruhe weicht der betriebsamen Hektik eines Teams, das viel vor hat an diesem Oktobertag. Dort wird der Arbeitsplatz der Visagistin aufgebaut, hierhin bitte die Verpflegung und dort drüben darf sich das Fotografen-Team niederlassen. Die Kindermodels Lilly und Valentin erkunden etwas schüchtern das Treiben und ziehen sich erst mal auf den Spielplatz zurück.

Die Prothesen-Models packen mit an beim Ausladen der vielen Kisten voller Kleidung, Prothesenteilen und Accessoires. Cersten Mittmann trägt eine Kiste zur Stylistin und beweist, wie mobil er ist. „Ich komme mit meiner Prothese super zurecht“, lacht der Orthopädietechniker aus Celle und nimmt sich dann einen Kaffee. „Ich hatte 1998 einen Motoradunfall, danach wurde mir der linke Oberschenkel amputiert.“ Cersten Mittmann erzählt ruhig und entspannt, er ist mit sich im Reinen. „Natürlich stand ich erst mal unter Schock. Aber irgendwann ist mir auch bewusst geworden: Entweder du gibst dich auf oder du blickst nach vorn und genießt wieder dein Leben.“ Die Visagistin winkt ihn zu sich und bevor er in die Maske geht, fügt er noch hinzu: „Die Botschaft, die solche Fotos vermitteln, ist enorm wichtig. Es geht ja nicht nur um ein paar hübsche Bilder, sondern auch darum, dass man trotz Prothese aktiv und selbstbewusst sein Leben in die Hand nimmt.“

Alles ist möglich

Die mittelfränkische Seenlandschaft bietet die perfekte Kulisse für sonnendurchflutete Outdoor-Szenen. Doch wie läuft so ein Shooting eigentlich ab? Am Ende sieht man die fertigen Bilder und ahnt nicht, wie viel Arbeit in den Aufnahmen steckt. Während die Models geschminkt und eingekleidet werden, macht der Fotograf Probeaufnahmen, prüft das Licht und baut allerhand Gerätschaften auf. „Das ist richtig professionell aufgezogen“, staunt Klaus Keweloh und betrachtet interessiert den großen Reflektor, den ein Assistent des Fotografen hält. Dann „kauft“ er ein belegtes Brötchen bei Valentin. Der Kleine hat einen Laden aufgemacht und „verkauft“ nun die Leckereien und Getränke, mit denen das Team versorgt wird für Geld in Form eines Eichenblatts. Klaus Keweloh macht den Spaß mit und Valentin ist stolzer Ladenbesitzer. „So ein Shooting ist keine Arbeit, das ist wie ein Urlaubstag“, erklärt der Wanderführer, der ab 2015 mit Prothesenträgern die Bergwelt Mallorcas erkundet, und zeigt dann auf seine Prothese. „Außerdem kann ich Anhaltspunkte geben, was man bei einzelnen Produkten noch verbessern könnte.“ Er blickt über den glasklaren See und grinst. „Ich war schon immer Optimist. Ich habe auch keine Angst, mich zu zeigen. Als Wanderführer bin ich aktiv unterwegs, das geht auch mit Prothese. Ich möchte anderen Amputierten zeigen, was alles möglich ist.“

Goldener Herbst am Altmühlsee

Das erste Gruppenfoto steht an. Neben den sechs Prothesenträgern nehmen auch die Kindermodels und zwei Frauen am Shooting teil. Es dauert noch einige Zeit bis die Herren auf dem Steg sitzen, jeder am richtigen Platz ist und ein idyllisches Familienbild entsteht. Die Models nehmen das ebenso gelassen wie die Aktivitäten der Stylistin, die jeden einzelnen Hemdkragen und Pulloversaum bis zur Perfektion zurechtzupft. Der Fotograf kneift die Augen zusammen und blinzelt in die Sonne, ein letzter prüfender Blick und dann geht das sprichwörtliche Blitzlichtgewitter los. „Und bitte lachen!“ Das fällt allen leicht. Vor strahlend blauem Himmel setzen sich die Herren gekonnt in Szene. Der Fotograf spart nicht mit Wünschen. „Bitte alle zu mir schauen! Jetzt auf die Kinder schauen! Bitte den Kescher benutzen!“ Lachend folgen die Teilnehmer und wirken tatsächlich wie eine glückliche Familie beim Sonntagsausflug. Der Fotograf steigt kurzerhand in den schon recht frischen See, um einen noch besseren Blickwinkel zu erhaschen. „Da muss man als Fotograf durch“, schmunzelt er. „Das ist voller Körpereinsatz!“

Unter Freunden

Gegen Mittag ist es Zeit für einen Szenenwechsel. Im Autokorso geht es an den Brombachsee, welchen sie beim Mitagessen von der Restaurant-Terrasse aus überblicken. Die Kinder staunen über die Fähre und Cersten Mittmann tauscht sich mit Sven Besold, ebenfalls Orthopädietechniker und Prothesenmodel, über Silikon-Liner aus. „Der Silikon-Liner ist perfekt zum Schwimmen geeignet. Im Gegensatz zu Linern mit Stoffbezug kann ich ihn einfach mit dem Handtuch abtrocknen.“, erklärt Sven Besold und Cersten Mittmann stimmt ihm zu: „Gerade im Sommer ist das eine große Erleichterung.“ Während er das sagt, kriegen die Hundemodels, die in der nächste Szene mitspielen, einen Keks. Die Australian Shepherd Dame und ihre Golden-Retriever Kollegin wandern von Tisch zu Tisch und lassen sich mit Streicheleinheiten und Snacks verwöhnen.

Ein Model braucht Geduld

Nach der Pause geht es gestärkt weiter. Das lange Sitzen, Stehen und viele Wiederholungen bis zum perfekten Bild sind zwar anstrengend, doch der Spaß überwiegt. Am Strand vom Brombachsee geht es jetzt mit Aktivfotos weiter. Klaus Keweloh ist sichtlich amüsiert über die Hunde, die nicht so recht das machen wollen, was der Fotograf sagt. Lilly versteckt sich hinter dem Drachen, den sie fliegen lassen wird und Valentin findet die Fähre gerade viel spannender als die Kamera. Solche Momente gehören eben auch dazu. Kurzerhand kriegt Valentin einen Ball als Requisite, den er werfen kann, Lillys Papa spricht ihr Mut zu und die Hunde werden mit Leckerlis „bestochen“. Natürlich sollen alle Spaß haben, aber Konzentration ist ebenfalls wichtig, vor allem wenn noch einige Szenen vor Einbruch der Dunkelheit im Kasten sein müssen. Die Models posieren wie bei einem Spaziergang, alle gehen nebeneinander auf den Fotografen zu. Immer und immer wieder wiederholen sie dieses Stück Spaziergang, der Fotograf wechselt zwischendurch schnell das Objektiv, der Reflektor wird ein paar Grad gedreht bis alles endlich stimmt. Kaum zu glauben, wie viel Detailarbeit in einem einzigen perfekten Foto steckt.

Am Abend verabschieden sich alle herzlich voneinander. „So etwas macht immer Spaß und man lernt nette Leute kennen“, resümiert Klaus Keweloh. Die sympathischen Models sprühen geradezu vor Lebensfreude. Und die wirkt nicht nur ansteckend auf alle, die die Männer erleben, sondern sie ist auch auf jedem einzelnen Foto zu erkennen.

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