Helping

Thomas ist seit seiner Geburt beidseitig beinamputiert. Als begeisterter Autofan dachte er zu keinem Zeitpunkt darüber nach, vielleicht nicht fahren zu können. Mit außergewöhnlichen individuellen Fähigkeiten, starkem Willen und Mut fährt er heute ein normales Automatikfahrzeug. Ein Einzelfall und eine erstaunliche Geschichte zugleich.

Thomas

* 1988

Mobilitätsklasse: 4

Amputationsart: Unterschenkel und Knieex

 

Erste Erfahrungen mit dem Fahren machte der passionierte Motorsportfan bereits im zarten Alter von zwölf Jahren – und zwar auf der Gokart-Bahn. Autos und Motorsport sind für Thomas schon von klein auf ein ganz besonderes Hobby und gewöhnliches Autofahren eine absolute Normalität. Mit seiner linken Unterschenkelprothese bedient er die Bremse, mit seiner rechten Beinprothese das Gas seines Automatikfahrzeugs.

Führerschein mit Prothese

Der Weg zum Führerschein war für mich zunächst mit kleineren und größeren Hürden verbunden. Der Fahrlehrer war anfangs skeptisch, trotzdem hat er mit mir einen Termin vereinbart und wollte mir auf jeden Fall eine Chance geben. Die Fahrschule ist auf die Ausbildung von Fahrern mit Handicap spezialisiert und auch mit einem Automatikfahrzeug ausgerüstet. Ich war allerdings der erste Fahrschüler, der beidseitig beinamputiert war. Das erste Treffen fand dann schließlich auf einem Parkplatz statt. Erste Tests wie z. B. eine Vollbremsung sowie Tests zu meiner Reaktionsfähigkeit überzeugten den Fahrlehrer schnell davon, dass ich durchaus in der Lage war, fahren zu lernen. Anschließend wurde ein Termin mit dem TÜV vereinbart, um ein technisches Gutachten erstellen zu lassen. Zwischenzeitlich gab die Fahrschule mir die Möglichkeit, mich innerhalb von fünf weiteren Fahrstunden an den Straßenverkehr sowie an das Auto zu gewöhnen. 

Das technische Gutachten – kein einfaches Unterfangen

Ich bestreite meinen Alltag wie jeder andere Mensch auch. Mein Motto lautet: Man kann alles schaffen – nur kopflose Menschen können nichts! Ich fühle mich nie „behindert“ und nehme immer wieder neue Ziele in Angriff. Meine Unternehmungslust hat in meiner Kindheit vermutlich schon für so manch graues Haar meiner Eltern gesorgt.

Auch auf dem Weg zur technischen Prüfung für die Erstellung des Gutachtens war ich hoch motiviert und voller Elan. Was sollte schon schiefgehen? Ich hatte ja mit meinem Fahrlehrer im Vorfeld erfolgreich geübt. Doch was mich dann erwartete, lässt sich nur mit dem Begriff der „Engstirnigkeit“ vergleichen. Ohne auch nur in den Wagen einzusteigen, entschied der TÜV-Prüfer, dass ich „in diesem Zustand“ auf keinen Fall Auto fahren dürfe, es sei denn, ein Umbau auf Handgas käme für mich in Frage. Sämtliche Überzeugungsversuche seitens des Fahrlehrers und von mir selbst schlugen fehl und ich verließ äußerst geknickt das Prüfinstitut – ohne Gutachten. Ein herber Schlag der Bürokratie, der einen großen Traum zunächst zerplatzen ließ. Ich konnte diese kurzsichtige Entscheidung aber nicht einfach akzeptieren und wandte mich umgehend an den Chefredakteur des Magazins HANDICAP, Herrn Gunther Belitz, selbst beinamputiert.

Ich schilderte ihm mein Anliegen und bekam den Tipp, mich an einen Experten des TÜV Nord zu wenden. Sofort vereinbarte ich dort einen Termin. Ebenfalls zunächst skeptisch, wie ich zusätzlich das Kupplungspedal bedienen wolle, klärte ich ihn auf, dass die Beschränkung auf ein Automatikfahrzeug für mich völlig akzeptabel sei. Nach einigen Tests u.a. hinsichtlich Bremskraft und Reaktionsfähigkeit in einem extra umgebauten Simulationsfahrzeug, stellte mir der Prüfer das Gutachten mit einigen Auflagen wie z.B. „Tragen der Prothesen erforderlich“ aus. Jetzt stand mir - außer der regulären Führerscheinprüfung - nichts mehr im Weg, ein normales Automatik-Fahrzeug ohne behindertengerechtem Umbau zu führen! Ich bin Herrn Belitz von der Zeitschrift HANDICAP heute noch unendlich dankbar, dass er mir diesen Tipp damals gegeben hat. Ohne diesen Hinweis hätte ich das Gutachten sicher nicht bekommen und es war mir extrem wichtig, Auto fahren zu dürfen. Auch mit Prothese habe ich die nötige Kraft, um beispielsweise eine Gefahrenbremsung auszuführen. Auf Grund meiner langjährigen Prothesen-Erfahrung fühle ich dabei genau wo sich mein Prothesenfuß auf dem Pedal befindet. Nur deshalb habe ich das technische Gutachten bekommen.

Für den Fall, dass ich von der Polizei gestoppt werde, muss ich zusätzlich zu meinem Führerschein auch noch ein Beiblatt mitführen. Es gibt genaue Auskunft darüber, welches Handicap ich habe und welche Fahrzeuge ich führen darf. Viele Leute können es manchmal gar nicht glauben, dass ich zwei Beinprothesen trage und trotzdem so gut fahren kann. Bei einem Fahrsicherheitstraining des ADAC staunte der Trainer am Ende nicht schlecht, als ich ihm auf seine Frage warum ich etwas hinke, meine zwei Prothesen offenbarte! Ich fahre täglich rund 40 km mit dem Auto zur Arbeit und bin auch in meiner Freizeit viel als Fahrer unterwegs. Selbst lange Strecken in den Urlaub (600 km und mehr) sind für mich kein Problem. Mein Auto ist mit einem Tempomat ausgestattet, dadurch kann ich mein Bein zwischendurch auch etwas entlasten. Im Großen und Ganzen ist das Autofahren für mich wahrscheinlich nicht anstrengender als für Menschen ohne Amputation.

Nach nunmehr über 10 Jahren unfallfreien Fahrens habe ich denke ich bewiesen, dass ich das Gutachten nicht ohne Grund erhielt und jedes Fahrzeug problemlos und sicher führen kann. 

Ich möchte allen gehandicapten Menschen an dieser Stelle mitgeben, wirklich niemals aufzugeben und sich nicht von ersten Hürden demotivieren zu lassen!
Denkt an mein Motto: Man kann alles schaffen – nur Kopflose können nichts!

Dieser Spruch, den mir mein behandelnder Arzt mit auf den Weg gegeben hat, begleitet mich durch mein Leben und gibt mir immer wieder Kraft. Ich hoffe meine Erfahrungen können anderen Menschen mit gleichem Schicksal Mut machen.


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Nachdem er anfänglich sehr unter seiner Amputation litt meistert Chris sein Leben wieder mit Stolz. Seine Einstellung seine Einschränkung nicht über alles zu stellen hilft ihm dabei. „Wenn ich lesen möchte, hilft mir eine Brille. Wenn ich gehen möchte, hilft mir eine Beinprothese. Ein Hilfsmittel halt, na und?“ 

Chris

Mobilitätsklasse: 4

Amputationsart: Unterschenkel

Wie ist es zu der Amputation gekommen?

Durch einen Motorradunfall, mit 19 Jahren. Mir wurde damals von einem Fahrzeug die Vorfahrt genommen und es gab einen Zusammenstoß mit dem Pkw. Ich wurde sofort medizinisch versorgt, doch das stark gequetschte Bein wurde nicht mehr durchblutet. In der Folge wurde es amputiert.

Was empfinden du, wenn du an die Amputation denkst?

Verarbeitet. Kommt nichts mehr hoch.

Was hat dir geholfen, die Amputation zu bewältigen?

Nachdem ich die ersten zwei Jahre schwer unter der Amputation gelitten habe und mich jeder Hilfe verweigerte, begann ich nach und nach wieder mehr Lebenslust zu empfinden. Rückblickend war es ein gravierender Fehler, sich in der direkten Phase nach der Amputation nicht psychologisch betreuen zu lassen und auch sonst keine Hilfe anzunehmen. Das würde ich heute anders machen.

Zum einen waren es die alltäglichen Dinge, die kleinen Erfolge und die Musik, durch die ich wieder neue Lebenslust schöpfte. Die direkte Rückmeldung des Publikums, wenn ich auf der Bühne stand, tat mir gut. Zum anderen half mir aber vor allem mein eineinhalbjähriger Trip nach Kalifornien bei der Selbstfindung. Der Austausch mit Kriegsveteranen war wie eine „Selbsthilfegruppe unter der Sonne“. Danach habe ich mein Leben wieder in die Hand genommen und war stolz darauf eine Familie zu haben, ein Auto zu fahren und einem Job nachzugehen – und das trotz Handicap.

Hat sich in deinem Umfeld viel verändert? Gehen Leute nun anders mit dir um?

Ja. Vermeintliche Freunde haben mich nicht einmal in der Klinik besucht. Auch meine Großmutter wagte sich nicht an die Thematik heran. Andersherum sind Menschen vorbeigekommen, mit denen ich nicht gerechnet hätte und zu denen auch heute noch ein intensiver Kontakt besteht. Mit der Zeit normalisierte sich alles.

Gehst du einem Beruf nach?

Nach meiner Amputation habe ich zunächst mein Abitur nachgeholt und ein Studium als Maschinenbauer begonnen, was ich jedoch abbrach. Es war mir zu langweilig. (lacht)

Dann habe ich erstmal begonnen mein Leben zu leben. Ich bin viel gereist und habe tolle Erfahrungen gesammelt. Irgendwann entschloss ich mich den Beruf des Orthopädietechnikers zu erlernen, mit der Idee, mich selbst bestmöglich prothetisch versorgen zu können.

Im Moment bin ich selbstständig und nutze jede freie Minute mit meiner Familie.

Wie gestalten du deine Freizeit?

Ich reise viel, bin sportlich aktiv und spiele Musik. Im kommenden Jahr möchte ich mit der Fliegerei beginnen. Ansonsten bedeutet Freizeit: Familie! Ich habe eine Frau, eine Tochter, einen Hund und zwei amputierte Katzen. Wir genießen die Zeit zusammen. Wer hat schon eine Familie mit Ein -, Zwei-, Drei- und Vierbeinern? (lacht)

Du stehst wieder Mitten im Leben – Gibt es etwas, was du amputierten Menschen mit auf den Weg geben möchtest?

An dieser Stelle möchte ich das weitergeben, was einst mein Orthopädietechniker zu mir gesagt hat: „Ich bau dir die Prothese. Laufen musst du.“ Das ist für mich tatsächlich so etwas wie ein Credo geworden. Nahezu alles entscheidet sich im Kopf, es ist eben eine Typfrage!

Dein Geheimtipp oder Trick für Anwender von Prothesen?

Behandlungsteam. Man braucht gute Orthopädietechniker, gute Physiotherapeuten und eine gute psychologische Betreuung. Außerdem ist es wichtig, seine Einschränkung nicht über alles zu stellen und die Normalität im Alltag weitestgehend beizubehalten. Wenn ich lesen möchte, hilft mir eine Brille. Wenn ich gehen möchte, hilft mir eine Beinprothese. Ein Hilfsmittel halt, na und?

Vielen Dank!

 


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“Wohl in seiner Prothese” fühlt sich Georg, seit er viele andere Beinamputierte kennen gelernt hat – vorher ist er lange Jahre mit “Steinzeit”-Prothese, aber eisernem Willen durchs Leben gegangen. 

Georg Speckner

Geburtsjahr: 1960

Mobilitätsklasse: 3-4

Amputationsart: Unterschenkel

 

Wo und wann wurdest du amputiert?

Am rechten Unterschenkel im Jahr 1978, damals war ich erst 18 Jahre alt. 

Warum wurdest du amputiert?

Durch einen tragischen Motorradunfall. Mir kam in einer abknickenden Vorfahrtsstraße ein Auto entgegen, das die Kurve geschnitten hatte. Dieses Auto fuhr mir frontal in die rechte Seite, erfasste mein Bein und durchtrennte es. Zudem erlitt ich schwere innere Verletzungen sowie Kopfverletzungen, da der Helm beim Sturz stark demoliert wurde und keinen Schutz mehr bot.

Der Autofahrer blieb unverletzt. Ich blieb die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein, so dass ich alles mitbekam. Sobald ich meinen zertrümmerten Oberschenkel sah, bekam ich furchtbare Schmerzen. Die starke Blutung versuchte ich bis der Ambulanzwagen kam, selbst zu stillen, indem ich mein Bein mit den Händen zusammenhielt. Sehr schlimm war dann die Fahrt ins Krankenhaus. Dort fing ich etliche Kommentare wie „O Gott, sieht ja furchtbar aus“ auf. Zu dem Zeitpunkt waren diese Ausrufe für mich natürlich äußerst irritierend und angsteinflößend.

Die erste Operation dauerte, auch wegen der anderen Verletzungen, zwölf Stunden. Meine rechte Seite war sozusagen von oben bis unten defekt. Danach war ich zwölf Wochen auf der Intensivstation, während mein Leben an einem seidenen Faden hing. Die ganze Zeit setzten die Ärzte alles daran, mein Bein zu retten – sechs Monate lang.

Das gesamte Bein hing nur noch an einer Sehne, sodass man es anschrauben musste. Die Hoffnung, dass es wieder zusammenwachsen würde, erfüllte sich jedoch nicht. Hinzukommende Entzündungen und die Befürchtung, dass sich der Zustand meines Beines noch verschlechterte, führten dann letztendlich zur Amputation.
Ich war also sechs Monate in der Annahme gewesen, alles wird wieder gut. Als ich erfuhr, dass ich mein Bein wirklich verlieren werde, war das für mich ein riesiger Schock. Nach der Amputation lag ich noch zwei weitere Monate im Krankenhaus. 

Wie hast du dich nach der Amputation gefühlt?

Miserabel! Es war für mich erst ein unglaublicher Schock und ich war am Ende – seelisch am Boden zerstört. Außerdem kam ich mir vor wie Kapitän Ahab. Nach acht Wochen war mein Stumpf endlich nicht mehr aufgebläht, sodass eine Prothesenanpassung möglich war. Mir wurde eine unglaublich umständliche Holzprothese verpasst, mit der ich ca. 14 Jahre lief. 

Stand dir jemand zur Seite?

Im Krankenhaus lagen Unfallopfer bei mir mit im Zimmer, mit teilweise sehr schweren Verletzungen. Es waren fast nur junge Leute in meinem Alter, worauf offensichtlich geachtet wurde. Es handelte sich zwar nicht um Amputierte wie mich, aber wir waren trotzdem Leidensgefährten. Meine Eltern –jein. Sie versuchten mich zu trösten, aber es war nun mal passiert. Meine Freunde, die ich nach wie vor auch habe, besuchten mich regelmäßig. Aber ich hatte niemanden, der mein Problem richtig verstand und mich richtig aufbauen konnte.

Wie ging dein Leben dann weiter?

Ich freute mich riesig auf meine Prothese – endlich wieder Laufen – das war mein einziger Gedanke. Da ich das Beste aus meiner Situation machen wollte, musste ich mich mit diesem Zustand abfinden. Weil ich wusste, dass ich an einem Samstag aus dem Krankenhaus entlassen werde, machte ich gleich einen Termin mit meinen Freunden zum Weggehen aus. Ich bin sofort nach meiner Entlassung abends mit meinen Freunden losgezogen. Nach etwa einer Stunde bekam ich aber so starke Schmerzen, dass ich es nicht mehr aushielt. Da ich keine andere Versorgung kannte, redete ich mir immer wieder ein, dass ich damit zurechtkommen muss. Lange Jahre hatte ich aufgrund der Prothese immer Stumpfschmerzen durch Druckstellen und es scheuerte. Ich denke, man kann sich im Laufe der Zeit an einen gewissen Schmerz gewöhnen. Dadurch, dass mein Wille so stark war, habe ich irgendwie alles durchgestanden und auch zum Teil meinen Zustand „etwas“ vergessen.

1991/92 erhielt ich dann das erste Mal eine neue Prothese ohne Oberschaft, mit der ich überhaupt nicht zurechtkam. Daraufhin griff ich wieder auf meine alte Versorgung zurück. Ich habe auch viel selbst an der Prothese gebastelt und geschraubt, sozusagen eigene Wartung betrieben, weil ich nicht wusste, dass es eine Art Service zur Prüfung der Funktionen überhaupt gibt. Meinen Weg zum Orthopädietechniker schlug ich nur ein, wenn gar nichts mehr ging. Da meine Eltern selbständig waren und eine Land- und Gastwirtschaft betrieben, musste ich dort immer mithelfen. Da fragte keiner, wie es mir geht.

Gab es für dich weitere persönliche Veränderungen?

Ja absolut. Es hat sich sehr viel für mich verändert, da ich aktiver Fuß- und Handballer war. Das war erst einmal total auf Eis gelegt. Und Sport war für mich ein unheimlich wichtiger Bestandteil im Leben. Meine Freunde nahmen mich zwar zum Skilaufen mit, aber ich war halt immer langsamer. Beim Fußballspielen oder Wandern fingen in kürzester Zeit die starken Schmerzen an. Ich war in jeglicher Hinsicht eingeschränkt. Ich machte mir auch Gedanken wegen einer Freundin, wie reagieren die Mädels darauf…? 

Wie verhielt sich dein Arbeitgeber?

Ich hatte in dieser Beziehung sehr viel Glück. Der Unfall passierte während meiner Ausbildungszeit. Da ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinem damaligen Chef hatte, wurde meine Stelle für das fehlende Jahr freigehalten. Somit setzte ich ein Jahr aus und meine Ausbildung verschob sich dann um diesen Zeitraum nach hinten. Ein Jahr ging für mich dann – so ausgedrückt – verloren.

Wie hast du auf neugierige Menschen reagiert?

Viele Jahre konnte ich das Wort „Amputation“ nicht aussprechen. Wenn mich jemand z. B. auf mein Humpeln ansprach, das ich bei starken Schmerzen nicht unterdrücken konnte, gab ich immer zur Antwort, dass ich beim Fußballspielen verletzt wurde oder vor Jahren einen Verkehrsunfall hatte. Ich versuchte meine Amputation so gut es ging, auch unter Schmerzen, zu verstecken. Es wusste fast niemand, dass ich amputiert bin. Es sprach mich auch eher selten jemand darauf an. Ich kann jetzt offener damit umgehen.

Was denkst du waren die Gründe für deine Verschlossenheit?

Ich führe das noch auf meinen Krankenhausaufenthalt zurück, da ich damals niemanden mit dem gleichen Problem hatte. Das Wort Amputation habe ich ja nie in den Mund genommen, es war einfach nicht vorhanden und von mir verdrängt. Mir fehlte damals die wichtige, psychologische Betreuung, jemand der mich richtig verstanden hätte. 

Was ist dir das Wichtigste im Hinblick auf deine Prothese?

Keine Einschränkungen für mein Leben und eine Prothesenversorgung ohne Schmerzen zu haben. Ich kannte vorher weder das Silikonlinerschaftsystem noch eine angepasste Prothese, die Druckstellen verhindert oder wie jetzt bei mir, solche ausschließt. Ich hatte ja lange Zeit Stumpfschmerzen, die möchte ich nie mehr haben! Trotz meiner optimalen Versorgung bin ich immer für technische Neuerungen offen und möchte alles kennenlernen. 

Wie geht es dir jetzt?

Sehr gut. Das sieht man doch, oder? Mit meiner neuen Prothesenversorgung geht es mir immer besser. Mit meiner Familie, im Job, Urlaub und Freizeit bin ich viel ausgeglichener. Ich habe jetzt endlich Gleichgesinnte kennengelernt. Vorher kam ich mir vor, als wäre ich der einzige Beinamputierte der Welt. Ich bin richtig aktiv und seitdem ich keine Schmerzen mehr habe viel flexibler. 

Wie nutzt du deine Freizeit?

Aufgrund meiner verantwortungsvollen beruflichen Position bin ich auch außerhalb der Arbeitszeiten noch oft beruflich eingebunden. Den größten Teil meiner verbleibenden Freizeit verbringe ich dann mit meiner Familie, Freunden und meinen beiden Söhnen, in den Bergen wandern oder mountainbiken. Zudem bin ich Trainer einer D-Junioren-Fußballmannschaft. Die Jungs im Alter von 12-13 Jahren trainiere ich zweimal die Woche.

Was ist deine Motivation, dich hier vorzustellen?

Es soll für alle Betroffenen ein Ansporn sein, sich selbst zu motivieren. Es ist nicht immer einfach, aber wichtig. Man sollte sich nicht selbst aufgeben und versuchen, zu der Amputation zu stehen. Nur wenn versucht wird, das Problem zu verstecken, so wie ich es jahrelang schaffte, ist dies eine persönliche Einschränkung. Einen offenen Umgang mit dem Problem möchte ich jedem raten.

Vielen Dank, Georg!

 


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Ein kleiner Stein entschied über Klaus Schicksal. Nach 9 Operationen und langer Zeit mit vielen Problemen traf er die mutige Entscheidung: Amputation. Sein Hobby, das Wandern, machte er danach kurzerhand zum Beruf. 

Klaus Keweloh

Mobilitätsklasse: 3

Amputationsart: Unterschenkel

Amputationsursache

Manchmal sind es kleine Dinge, die das Leben verändern. Bei mir entschied ein Stein über mein Schicksal. Ich war unabhängiger Wanderführer auf Mallorca und zeigte 1992 - 2011 Touristengruppen die malerische Bergwelt der Baleareninsel. Im April 2011 stand wieder eine Mallorca-Tour an. Das Hotel für die Reisegruppe war gebucht und der Flug bereits organisiert, als es zu dem folgenschweren Vorfall kam, der mein Leben grundlegend verändern sollte. Ich war beim Rasenmähen hinterm Haus, als mir plötzlich das Schneidemesser einen Stein ans Schienbein schleuderte. Der war vom Umfang nicht größer als ein Fingernagel, steckte aber für einen Moment mitsamt der Hose im Bein. Noch am selben Tag ging ich zum Arzt und ließ mich behandeln. Ein Röntgenbild sei bei so einem kleinen Unfall nicht nötig, hieß es.

Eine Versorgung mit Salbe und Verband würde ausreichen. Mehrere Wochen vergingen, das Bein schmerzte weiter und entzündete sich, dann bekam ich Antibiotika verschrieben. Ein halbes Jahr und mehrere Arztbesuche später wurde mein Bein dann doch geröntgt. Mein Schienbein war doppelt gebrochen und der Knochen hatte sich entzündet. Das war schon so ein Moment, indem ich mir dachte, das hätte man aber früher erkennen können. Der anschließende Versuch, den Bruch erfolgreich zu schienen, misslang. Er wollte irgendwie einfach nicht verheilen. Der nächste Lösungsversuch: ein Nagel im Bein sollte von der Kniescheibe bis zum Sprunggelenk für Stabilität sorgen. Das funktionierte anfangs auch, nur bekam ich dort, wo der Nagel verschraubt war, wunde Stellen. Also wurden die Schrauben wieder entfernt. Der Heilungsprozess ging voran. Zwei Wochen nach dem Eingriff war ich wieder zu Hause. Ich konnte nahezu beschwerdefrei laufen und dachte, ich hätte alles überstanden. Dann stolperte ich über eine kleine Kante, das Bein brach wieder. Meine damaligen Ärzte waren ratlos und überwiesen mich in eine Spezialklinik nach Murnau.

Die Operationen gingen weiter. In den ersten drei Wochen erfolgten drei Eingriffe am Bein, um die Entzündung in den Griff zu bekommen. Es sollten insgesamt neun Operationen nötig sein. Den eigentlichen Bruch versuchte man mit einem sogenannten Fixateur zu heilen. Diesen sollte ich ursprünglich bis August 2013 tragen. Dann, so die Ärzte, könne ich wieder normal laufen. Um ein besseres Ergebnis zu erzielen, wurde das Bein um drei Zentimeter gekürzt und die Knochenteile wieder aufeinander geschoben. Die Verkürzung könne ich problemlos mit einem entsprechenden Absatz ausgleichen, versicherte man mir in der Klinik. Der letzte Eingriff, eine Hautverpflanzung, war erledigt. Die Entlassung stand in wenigen Tagen an, als sich das Bein wieder entzündete. Das nervte natürlich. Jedes Mal, wenn ich glaubte, ich hätte es geschafft, kam der nächste Nackenschlag. Aber da muss man einfach nach vorne schauen und positiv bleiben. Resignieren kam für mich auch nicht infrage. Rückschläge und Neuanfänge hatte ich in meinem Leben schon einige erlebt. Wenn man Augen und Ohren offenhält, dann geht es immer weiter. Man muss es nur wollen.

Klinikaufenthalt

Die Ärzte in Murnau stellten mich vor die Wahl. Entweder ein Jahr Klinikaufenthalt mit ungewissem Ausgang. Oder eine Amputation des Unterschenkels mit der Aussicht, nach drei bis vier Monaten wieder fit zu sein und ein normales Leben führen zu können. Ich hatte fünf Tage, um mich zu entscheiden. In der Zeit versuchte ich natürlich möglichst viele Antworten auf all meine Fragen zu erhalten. Gerade von Menschen, die selbst amputiert waren, habe ich dabei sehr viele Informationen, Rückhalt und Aufmunterung erfahren. Nachdem auch die Prothesenversorgung und die Reha geklärt waren, stimmte ich der Amputation zu.

Mein großer Rückhalt in dieser schwierigen Zeit war meine Frau. Sie wich nicht von meiner Seite und sprach mir Mut zu. Sie wusste, wie schwer mir diese Entscheidung fiel. Vor allem hinsichtlich der Leidenschaft fürs Wandern, die sie mit mir bis heute teilt. Kennengelernt haben wir uns im April 2002, ich war ihr Wanderführer. Als ich sie bei der Begrüßung sah, war mir sofort klar: Das ist die Frau meines Lebens. Da gab es gar keine Zweifel.

In Murnau saß sie Tag für Tag an meinem Krankenbett und wir schmiedeten Pläne wie es weitergehen sollte. Bereits am zweiten Tag nach der Amputation scherzte sie, ich könne ja jetzt auf Mallorca Wanderungen für Behinderte anbieten. Ich ging sofort auf ihren Vorschlag ein. Sie war ganz perplex und sagte, dass das nur ein Spaß gewesen sei. Tja, sagte ich, dann ist jetzt aus Spaß Ernst geworden. Ich war von diesem neuen Ziel so begeistert, dass ich bereits in der Klinik mein Vorhaben ankündigte. Die positiven Reaktionen der Patienten zeigten mir, dass ich eine Marktlücke entdeckt hatte. Plötzlich eröffneten sich für mich ganz neue Perspektiven. Ich hatte ein neues Ziel, das mir seitdem Motivation und neuen Lebensmut schenkt.

Ziele im Leben setzen!

Ich bin überzeugt, dass man sich im Leben immer wieder Ziele setzen muss. Gerade in schwierigen Situationen hilft es, zu wissen, wo man hin möchte. Wenn ich mich mit anderen amputierten Menschen treffe, die ein Ziel haben, merke ich, dass sie meist deutlich besser mit ihrer Situation zurechtkommen als diejenigen, die sich orientierungslos treiben lassen. Mitte Dezember 2012, vier Monate nach der Einweisung, wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

Ohne Prothese, nur mit Krücken ausgestattet, kam ich wieder nach Hause. Sofort machte ich Pläne, wie meine neue Webseite für Gehbehinderte aussehen könnte, noch vor der Versorgung mit einer Interimsprothese. Die erhielt er in der ersten Januarwoche. An dieses Erlebnis kann ich mich heute noch gut erinnern. Der Orthopädietechniker saß bei mir im Wohnzimmer, passte die Prothese an und verfolgte die ersten Schritte quer durch die Wohnung. Auf dem Rückweg von der Küche habe ich dann die Krücken in die Luft gehalten und gefragt, ob ich so etwas auch machen darf? Da fiel der fast in Ohnmacht. Von nun an standen jeden Tag Laufübungen auf dem Programm, schließlich wollte ich meine Mobilität zurück und zwar so schnell wie möglich.

Das Ziel, auf Mallorca wieder Wandern zu gehen, war fest in meinem Kopf. Doch bis es soweit war, musste ich mich zuerst in meinem Alltag mit den neuen Gegebenheiten zurechtfinden. Mein Aktionsradius vergrößerte sich jedoch stetig. Erst im Haus, dann auf meinem Bauernhof.

Führerschein mit Beinprothese

Eine Woche nachdem ich die Interimsversorgung erhalten hatte, fuhr ich bereits mit dem Auto auf meinem Grundstück herum. Ich habe damals beim TÜV angerufen, um die Prothese in meinen Führerschein eintragen zu lassen. Dort arbeitete ein Fahrlehrer, der auf solche Fälle wie mich ausgebildet war. Der sagte, ich solle einfach mal mit meinem Auto vorbeikommen. Ok, dachte ich, dann fahr ich eben, mit dem Auto zur Prüfung. Meine Frau auf dem Beifahrersitz gab mir die nötige Sicherheit. Die Prüfung habe ich dann auf Anhieb bestanden.

Reha

Drei Wochen nachdem ich wieder mit dem Autofahren begonnen hatte, startete die Reha. Ich hatte das Glück, eine Einzelbehandlung zu bekommen. Schon am ersten Tag hatte ich der Physiotherapeutin gesagt, sie solle mich so weit fordern, bis ich selbst ‚Stopp‘ sage. Sechs Wochen lang trainierte ich täglich mehrere Stunden, fuhr Rad, machte Übungen. Oft bis zur Erschöpfung. „Stopp“ sagte ich in dieser Zeit so gut wie nie.

Wieder mitten im Leben angekommen!

Bei den Renovierungsarbeiten in meinem Haus spüre ich die einzige Einschränkung, die ich durch die Prothese habe: Ich kann nicht knien. Die Prothese ist nicht tief genug eingeschnitten. Dafür bräuchte ich aber noch rund fünf Zentimeter mehr Stumpf. Den habe ich aber nicht. Also muss es so gehen. Meine erste Wandertour für Gehbehindert fand im Februar 2015 statt. Die Routen bin ich zuvor bereits mit meiner Frau abgelaufen. Ich habe bei den einzelnen Strecken großen Wert darauf gelegt, dass sie für alle Teilnehmer gut zu meistern sind. Es soll ja Spaß machen und niemand soll sich überfordert fühlen. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich Wanderer ohne oder mit Beinamputation führe. Es ist schon ein Privileg, wenn man seine Leidenschaft zum Beruf machen kann. Die Bewegung, die Natur und die gemeinsamen Erlebnisse mit anderen Menschen begeistern mich. Mein Lebensmotto: Ich mache nur das, was mir Spaß macht. Danach lebe ich seit meiner Jugend.

 


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Seit Mandys Amputation im Jahre 1997 hat sich ihr Leben verändert – und das nicht unbedingt zum Negativen. Heute ist sie Sporttherapeutin und Gehschultrainerin für Menschen mit gleichem Schicksal. 

Mandy Küsel

Mobilitätsklasse: 3-4

Amputationsart: Oberschenkel

Liebe Mandy, wie kam es zu der Amputation? 

Ich wurde 1997 nach einem Unfall auf dem Moped oberschenkelamputiert. Mit 20 Jahren wollte ich einen entspannten Urlaub mit meinem damaligen Freund in Griechenland verbringen, Sonne, Strand, Land und Leute genießen und einfach die Seele baumeln lassen. Doch manchmal kommen die Dinge anders als man denkt und als man es je erwarten würde. Wir haben uns ein Moped ausgeliehen und hatten unverschuldet einen Unfall. Die Folge: Mein linkes Bein konnte nicht gerettet werden und mein Oberschenkel musste amputiert werden.

Wie hast du dich nach der Amputation motiviert?

Drei lange Monate verbrachte ich im Krankenhaus. Im Anschluss folgten eine Nachamputation sowie vier Wochen in der Rehabilitationsklinik. Dann durfte ich endlich nach Hause. Heim zu meinen Lieben, die zwar geschockt auf die Nachricht der Amputation reagierten, mich aber glücklich wieder in die Arme schließen konnten. Denn ich lebte! Der Eingriff hat mir das Leben gerettet. Das ist ein wichtiger Punkt, den viele „Frisch-Amputierte“ häufig verdrängen. Sie leben noch und die Entfernung eines Körperteils, das nicht zu retten ist, bildet meist den Grund dafür.

Wie hat dein Umfeld auf die Amputation reagiert?

Insgesamt sehr positiv. Vielleicht liegt das auch an meiner Art, denn ich habe immer versucht, die Amputation nicht in den Vordergrund meines Lebens zu stellen. Sowohl Familie als auch Freunde haben mir immer das Gefühl vermittelt, mit einem Bein genauso wertvoll zu sein wie mit zwei Beinen.

Negative Reaktionen habe ich selbst glücklicherweise nicht erfahren müssen, jedoch von anderen Betroffenen gehört, die diesbezüglich nicht so viel Glück hatten. Ich glaube Menschen, die sich negativ über jemanden mit Handicap äußern, wissen gar nicht wie schnell sie selbst betroffen sein können. Man kann sich sein Schicksal nicht aussuchen. Niemand kann das. 

Was hat dir nach der Amputation geholfen?

Gerade zu Beginn dieser neuen Situation rate ich Gleichgesinnten, den Kontakt zu anderen Amputierten zu suchen, um sich auszutauschen. Es gibt inzwischen so viele tolle Selbsthilfegruppen in Deutschland, die mit den früher volksmündlich bezeichneten „Jammergruppen“ gar nichts mehr gemein haben.

Junge und ältere Menschen finden dort gleichermaßen Anschluss, erhalten wertvolle Informationen sowie Tipps und Hilfen für den Alltag. Die Teilnahme ist zudem kostenlos und in der Regel finden Amputierte schnell eine Gruppe in ihrer Nähe. 

Wie hat die Amputation dein Leben verändert?

Die Amputation beeinflusste mich sehr stark in meinem beruflichen Werdegang, denn erst dadurch bin ich zu meinem Job gekommen. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Sporttherapeutin und Gehschultrainerin kann ich Amputierten nicht nur vermitteln wie sie richtig und sicher mit ihrer Prothese gehen, sondern vor allem, dass das überhaupt möglich ist. Ich zeige auf, was mit - bzw. durch die Prothese machbar ist und freue mich dabei immer wieder über die hohe Motivation, die ich auslöse. Generell habe ich die Möglichkeit, wertvolle Tipps rund um Amputation, Prothese und den Alltag mit Prothese an Patienten weiterzugeben – eine Aufgabe, die mich sehr erfüllt.

Welche Erfahrungen und Ratschläge möchtest du anderen Amputierten mit auf den Weg geben?

Ein paar Worte möchte ich anderen Amputierten bei dieser Gelegenheit gerne noch weitergeben. Gerade am Anfang fühlt sich vieles oft so schwer, kompliziert und aussichtslos an. In dieser Situation darf man den Kopf nicht hängen lassen, denn das ändert sich wieder! Der schlimmste Feind des eigenen Vorankommens ist die Angst! Oft muss man sich überwinden etwas zu versuchen und ist dann erstaunt, dass es ja doch geht (z. B. Straßenbahn fahren, mit nur einer Stütze statt mit zwei oder über eine Wiese gehen).

Je mehr Kraft und Mut man in die Bewältigung dieser neuen Lage investiert, desto leichter wird es – das erlebe ich täglich im Rahmen meiner Arbeit und ich habe es an mir selbst erlebt. Man kann über die neue Situation trauern, das ist normal. Aber all die Trauer macht den Verlust eines Körperteils nicht rückgängig. Betroffene sollten sich nicht fragen „warum ich?“, sondern lieber über Ziele nachdenken. „Wo möchte ich in einem Jahr sein, was möchte ich in dieser Zeit schaffen?“ Dieses Verfolgen und Erreichen von eigenen Zielen motiviert ungemein. Man muss sich bemühen, sich zusammenreißen, darf sich nicht gehen lassen und auch keine Ausreden finden für all das, was man vielleicht nicht auf Anhieb kann.

Eigentlich geht fast alles, was vorher auch ging, nur eben anfangs viel langsamer. Die Geduld für all das muss man aufbringen. Wichtig ist, dass man so viel wie möglich selber macht und versucht, immer ein bisschen aktiver zu werden, als man es noch am Vortag war. Das gebe ich an die Teilnehmer meiner Kurse weiter und ich möchte es auch den stolperstein-Lesern auf den Weg geben. Vielleicht kann ich hier und da ein bisschen Mut vermitteln, das würde mich sehr freuen. 

Vielen Dank Mandy!