Nachdem er anfänglich sehr unter seiner Amputation litt meistert Chris sein Leben wieder mit Stolz. Seine Einstellung seine Einschränkung nicht über alles zu stellen hilft ihm dabei. „Wenn ich lesen möchte, hilft mir eine Brille. Wenn ich gehen möchte, hilft mir eine Beinprothese. Ein Hilfsmittel halt, na und?“ 

Chris

Mobilitätsklasse: 4

Amputationsart: Unterschenkel

Wie ist es zu der Amputation gekommen?

Durch einen Motorradunfall, mit 19 Jahren. Mir wurde damals von einem Fahrzeug die Vorfahrt genommen und es gab einen Zusammenstoß mit dem Pkw. Ich wurde sofort medizinisch versorgt, doch das stark gequetschte Bein wurde nicht mehr durchblutet. In der Folge wurde es amputiert.

Was empfinden du, wenn du an die Amputation denkst?

Verarbeitet. Kommt nichts mehr hoch.

Was hat dir geholfen, die Amputation zu bewältigen?

Nachdem ich die ersten zwei Jahre schwer unter der Amputation gelitten habe und mich jeder Hilfe verweigerte, begann ich nach und nach wieder mehr Lebenslust zu empfinden. Rückblickend war es ein gravierender Fehler, sich in der direkten Phase nach der Amputation nicht psychologisch betreuen zu lassen und auch sonst keine Hilfe anzunehmen. Das würde ich heute anders machen.

Zum einen waren es die alltäglichen Dinge, die kleinen Erfolge und die Musik, durch die ich wieder neue Lebenslust schöpfte. Die direkte Rückmeldung des Publikums, wenn ich auf der Bühne stand, tat mir gut. Zum anderen half mir aber vor allem mein eineinhalbjähriger Trip nach Kalifornien bei der Selbstfindung. Der Austausch mit Kriegsveteranen war wie eine „Selbsthilfegruppe unter der Sonne“. Danach habe ich mein Leben wieder in die Hand genommen und war stolz darauf eine Familie zu haben, ein Auto zu fahren und einem Job nachzugehen – und das trotz Handicap.

Hat sich in deinem Umfeld viel verändert? Gehen Leute nun anders mit dir um?

Ja. Vermeintliche Freunde haben mich nicht einmal in der Klinik besucht. Auch meine Großmutter wagte sich nicht an die Thematik heran. Andersherum sind Menschen vorbeigekommen, mit denen ich nicht gerechnet hätte und zu denen auch heute noch ein intensiver Kontakt besteht. Mit der Zeit normalisierte sich alles.

Gehst du einem Beruf nach?

Nach meiner Amputation habe ich zunächst mein Abitur nachgeholt und ein Studium als Maschinenbauer begonnen, was ich jedoch abbrach. Es war mir zu langweilig. (lacht)

Dann habe ich erstmal begonnen mein Leben zu leben. Ich bin viel gereist und habe tolle Erfahrungen gesammelt. Irgendwann entschloss ich mich den Beruf des Orthopädietechnikers zu erlernen, mit der Idee, mich selbst bestmöglich prothetisch versorgen zu können.

Im Moment bin ich selbstständig und nutze jede freie Minute mit meiner Familie.

Wie gestalten du deine Freizeit?

Ich reise viel, bin sportlich aktiv und spiele Musik. Im kommenden Jahr möchte ich mit der Fliegerei beginnen. Ansonsten bedeutet Freizeit: Familie! Ich habe eine Frau, eine Tochter, einen Hund und zwei amputierte Katzen. Wir genießen die Zeit zusammen. Wer hat schon eine Familie mit Ein -, Zwei-, Drei- und Vierbeinern? (lacht)

Du stehst wieder Mitten im Leben – Gibt es etwas, was du amputierten Menschen mit auf den Weg geben möchtest?

An dieser Stelle möchte ich das weitergeben, was einst mein Orthopädietechniker zu mir gesagt hat: „Ich bau dir die Prothese. Laufen musst du.“ Das ist für mich tatsächlich so etwas wie ein Credo geworden. Nahezu alles entscheidet sich im Kopf, es ist eben eine Typfrage!

Dein Geheimtipp oder Trick für Anwender von Prothesen?

Behandlungsteam. Man braucht gute Orthopädietechniker, gute Physiotherapeuten und eine gute psychologische Betreuung. Außerdem ist es wichtig, seine Einschränkung nicht über alles zu stellen und die Normalität im Alltag weitestgehend beizubehalten. Wenn ich lesen möchte, hilft mir eine Brille. Wenn ich gehen möchte, hilft mir eine Beinprothese. Ein Hilfsmittel halt, na und?

Vielen Dank!