Ein kleiner Stein entschied über Klaus Schicksal. Nach 9 Operationen und langer Zeit mit vielen Problemen traf er die mutige Entscheidung: Amputation. Sein Hobby, das Wandern, machte er danach kurzerhand zum Beruf. 

Klaus Keweloh

Mobilitätsklasse: 3

Amputationsart: Unterschenkel

Amputationsursache

Manchmal sind es kleine Dinge, die das Leben verändern. Bei mir entschied ein Stein über mein Schicksal. Ich war unabhängiger Wanderführer auf Mallorca und zeigte 1992 - 2011 Touristengruppen die malerische Bergwelt der Baleareninsel. Im April 2011 stand wieder eine Mallorca-Tour an. Das Hotel für die Reisegruppe war gebucht und der Flug bereits organisiert, als es zu dem folgenschweren Vorfall kam, der mein Leben grundlegend verändern sollte. Ich war beim Rasenmähen hinterm Haus, als mir plötzlich das Schneidemesser einen Stein ans Schienbein schleuderte. Der war vom Umfang nicht größer als ein Fingernagel, steckte aber für einen Moment mitsamt der Hose im Bein. Noch am selben Tag ging ich zum Arzt und ließ mich behandeln. Ein Röntgenbild sei bei so einem kleinen Unfall nicht nötig, hieß es.

Eine Versorgung mit Salbe und Verband würde ausreichen. Mehrere Wochen vergingen, das Bein schmerzte weiter und entzündete sich, dann bekam ich Antibiotika verschrieben. Ein halbes Jahr und mehrere Arztbesuche später wurde mein Bein dann doch geröntgt. Mein Schienbein war doppelt gebrochen und der Knochen hatte sich entzündet. Das war schon so ein Moment, indem ich mir dachte, das hätte man aber früher erkennen können. Der anschließende Versuch, den Bruch erfolgreich zu schienen, misslang. Er wollte irgendwie einfach nicht verheilen. Der nächste Lösungsversuch: ein Nagel im Bein sollte von der Kniescheibe bis zum Sprunggelenk für Stabilität sorgen. Das funktionierte anfangs auch, nur bekam ich dort, wo der Nagel verschraubt war, wunde Stellen. Also wurden die Schrauben wieder entfernt. Der Heilungsprozess ging voran. Zwei Wochen nach dem Eingriff war ich wieder zu Hause. Ich konnte nahezu beschwerdefrei laufen und dachte, ich hätte alles überstanden. Dann stolperte ich über eine kleine Kante, das Bein brach wieder. Meine damaligen Ärzte waren ratlos und überwiesen mich in eine Spezialklinik nach Murnau.

Die Operationen gingen weiter. In den ersten drei Wochen erfolgten drei Eingriffe am Bein, um die Entzündung in den Griff zu bekommen. Es sollten insgesamt neun Operationen nötig sein. Den eigentlichen Bruch versuchte man mit einem sogenannten Fixateur zu heilen. Diesen sollte ich ursprünglich bis August 2013 tragen. Dann, so die Ärzte, könne ich wieder normal laufen. Um ein besseres Ergebnis zu erzielen, wurde das Bein um drei Zentimeter gekürzt und die Knochenteile wieder aufeinander geschoben. Die Verkürzung könne ich problemlos mit einem entsprechenden Absatz ausgleichen, versicherte man mir in der Klinik. Der letzte Eingriff, eine Hautverpflanzung, war erledigt. Die Entlassung stand in wenigen Tagen an, als sich das Bein wieder entzündete. Das nervte natürlich. Jedes Mal, wenn ich glaubte, ich hätte es geschafft, kam der nächste Nackenschlag. Aber da muss man einfach nach vorne schauen und positiv bleiben. Resignieren kam für mich auch nicht infrage. Rückschläge und Neuanfänge hatte ich in meinem Leben schon einige erlebt. Wenn man Augen und Ohren offenhält, dann geht es immer weiter. Man muss es nur wollen.

Klinikaufenthalt

Die Ärzte in Murnau stellten mich vor die Wahl. Entweder ein Jahr Klinikaufenthalt mit ungewissem Ausgang. Oder eine Amputation des Unterschenkels mit der Aussicht, nach drei bis vier Monaten wieder fit zu sein und ein normales Leben führen zu können. Ich hatte fünf Tage, um mich zu entscheiden. In der Zeit versuchte ich natürlich möglichst viele Antworten auf all meine Fragen zu erhalten. Gerade von Menschen, die selbst amputiert waren, habe ich dabei sehr viele Informationen, Rückhalt und Aufmunterung erfahren. Nachdem auch die Prothesenversorgung und die Reha geklärt waren, stimmte ich der Amputation zu.

Mein großer Rückhalt in dieser schwierigen Zeit war meine Frau. Sie wich nicht von meiner Seite und sprach mir Mut zu. Sie wusste, wie schwer mir diese Entscheidung fiel. Vor allem hinsichtlich der Leidenschaft fürs Wandern, die sie mit mir bis heute teilt. Kennengelernt haben wir uns im April 2002, ich war ihr Wanderführer. Als ich sie bei der Begrüßung sah, war mir sofort klar: Das ist die Frau meines Lebens. Da gab es gar keine Zweifel.

In Murnau saß sie Tag für Tag an meinem Krankenbett und wir schmiedeten Pläne wie es weitergehen sollte. Bereits am zweiten Tag nach der Amputation scherzte sie, ich könne ja jetzt auf Mallorca Wanderungen für Behinderte anbieten. Ich ging sofort auf ihren Vorschlag ein. Sie war ganz perplex und sagte, dass das nur ein Spaß gewesen sei. Tja, sagte ich, dann ist jetzt aus Spaß Ernst geworden. Ich war von diesem neuen Ziel so begeistert, dass ich bereits in der Klinik mein Vorhaben ankündigte. Die positiven Reaktionen der Patienten zeigten mir, dass ich eine Marktlücke entdeckt hatte. Plötzlich eröffneten sich für mich ganz neue Perspektiven. Ich hatte ein neues Ziel, das mir seitdem Motivation und neuen Lebensmut schenkt.

Ziele im Leben setzen!

Ich bin überzeugt, dass man sich im Leben immer wieder Ziele setzen muss. Gerade in schwierigen Situationen hilft es, zu wissen, wo man hin möchte. Wenn ich mich mit anderen amputierten Menschen treffe, die ein Ziel haben, merke ich, dass sie meist deutlich besser mit ihrer Situation zurechtkommen als diejenigen, die sich orientierungslos treiben lassen. Mitte Dezember 2012, vier Monate nach der Einweisung, wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

Ohne Prothese, nur mit Krücken ausgestattet, kam ich wieder nach Hause. Sofort machte ich Pläne, wie meine neue Webseite für Gehbehinderte aussehen könnte, noch vor der Versorgung mit einer Interimsprothese. Die erhielt er in der ersten Januarwoche. An dieses Erlebnis kann ich mich heute noch gut erinnern. Der Orthopädietechniker saß bei mir im Wohnzimmer, passte die Prothese an und verfolgte die ersten Schritte quer durch die Wohnung. Auf dem Rückweg von der Küche habe ich dann die Krücken in die Luft gehalten und gefragt, ob ich so etwas auch machen darf? Da fiel der fast in Ohnmacht. Von nun an standen jeden Tag Laufübungen auf dem Programm, schließlich wollte ich meine Mobilität zurück und zwar so schnell wie möglich.

Das Ziel, auf Mallorca wieder Wandern zu gehen, war fest in meinem Kopf. Doch bis es soweit war, musste ich mich zuerst in meinem Alltag mit den neuen Gegebenheiten zurechtfinden. Mein Aktionsradius vergrößerte sich jedoch stetig. Erst im Haus, dann auf meinem Bauernhof.

Führerschein mit Beinprothese

Eine Woche nachdem ich die Interimsversorgung erhalten hatte, fuhr ich bereits mit dem Auto auf meinem Grundstück herum. Ich habe damals beim TÜV angerufen, um die Prothese in meinen Führerschein eintragen zu lassen. Dort arbeitete ein Fahrlehrer, der auf solche Fälle wie mich ausgebildet war. Der sagte, ich solle einfach mal mit meinem Auto vorbeikommen. Ok, dachte ich, dann fahr ich eben, mit dem Auto zur Prüfung. Meine Frau auf dem Beifahrersitz gab mir die nötige Sicherheit. Die Prüfung habe ich dann auf Anhieb bestanden.

Reha

Drei Wochen nachdem ich wieder mit dem Autofahren begonnen hatte, startete die Reha. Ich hatte das Glück, eine Einzelbehandlung zu bekommen. Schon am ersten Tag hatte ich der Physiotherapeutin gesagt, sie solle mich so weit fordern, bis ich selbst ‚Stopp‘ sage. Sechs Wochen lang trainierte ich täglich mehrere Stunden, fuhr Rad, machte Übungen. Oft bis zur Erschöpfung. „Stopp“ sagte ich in dieser Zeit so gut wie nie.

Wieder mitten im Leben angekommen!

Bei den Renovierungsarbeiten in meinem Haus spüre ich die einzige Einschränkung, die ich durch die Prothese habe: Ich kann nicht knien. Die Prothese ist nicht tief genug eingeschnitten. Dafür bräuchte ich aber noch rund fünf Zentimeter mehr Stumpf. Den habe ich aber nicht. Also muss es so gehen. Meine erste Wandertour für Gehbehindert fand im Februar 2015 statt. Die Routen bin ich zuvor bereits mit meiner Frau abgelaufen. Ich habe bei den einzelnen Strecken großen Wert darauf gelegt, dass sie für alle Teilnehmer gut zu meistern sind. Es soll ja Spaß machen und niemand soll sich überfordert fühlen. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich Wanderer ohne oder mit Beinamputation führe. Es ist schon ein Privileg, wenn man seine Leidenschaft zum Beruf machen kann. Die Bewegung, die Natur und die gemeinsamen Erlebnisse mit anderen Menschen begeistern mich. Mein Lebensmotto: Ich mache nur das, was mir Spaß macht. Danach lebe ich seit meiner Jugend.