Seit Mandys Amputation im Jahre 1997 hat sich ihr Leben verändert – und das nicht unbedingt zum Negativen. Heute ist sie Sporttherapeutin und Gehschultrainerin für Menschen mit gleichem Schicksal. 

Mandy Küsel

Mobilitätsklasse: 3-4

Amputationsart: Oberschenkel

Liebe Mandy, wie kam es zu der Amputation? 

Ich wurde 1997 nach einem Unfall auf dem Moped oberschenkelamputiert. Mit 20 Jahren wollte ich einen entspannten Urlaub mit meinem damaligen Freund in Griechenland verbringen, Sonne, Strand, Land und Leute genießen und einfach die Seele baumeln lassen. Doch manchmal kommen die Dinge anders als man denkt und als man es je erwarten würde. Wir haben uns ein Moped ausgeliehen und hatten unverschuldet einen Unfall. Die Folge: Mein linkes Bein konnte nicht gerettet werden und mein Oberschenkel musste amputiert werden.

Wie hast du dich nach der Amputation motiviert?

Drei lange Monate verbrachte ich im Krankenhaus. Im Anschluss folgten eine Nachamputation sowie vier Wochen in der Rehabilitationsklinik. Dann durfte ich endlich nach Hause. Heim zu meinen Lieben, die zwar geschockt auf die Nachricht der Amputation reagierten, mich aber glücklich wieder in die Arme schließen konnten. Denn ich lebte! Der Eingriff hat mir das Leben gerettet. Das ist ein wichtiger Punkt, den viele „Frisch-Amputierte“ häufig verdrängen. Sie leben noch und die Entfernung eines Körperteils, das nicht zu retten ist, bildet meist den Grund dafür.

Wie hat dein Umfeld auf die Amputation reagiert?

Insgesamt sehr positiv. Vielleicht liegt das auch an meiner Art, denn ich habe immer versucht, die Amputation nicht in den Vordergrund meines Lebens zu stellen. Sowohl Familie als auch Freunde haben mir immer das Gefühl vermittelt, mit einem Bein genauso wertvoll zu sein wie mit zwei Beinen.

Negative Reaktionen habe ich selbst glücklicherweise nicht erfahren müssen, jedoch von anderen Betroffenen gehört, die diesbezüglich nicht so viel Glück hatten. Ich glaube Menschen, die sich negativ über jemanden mit Handicap äußern, wissen gar nicht wie schnell sie selbst betroffen sein können. Man kann sich sein Schicksal nicht aussuchen. Niemand kann das. 

Was hat dir nach der Amputation geholfen?

Gerade zu Beginn dieser neuen Situation rate ich Gleichgesinnten, den Kontakt zu anderen Amputierten zu suchen, um sich auszutauschen. Es gibt inzwischen so viele tolle Selbsthilfegruppen in Deutschland, die mit den früher volksmündlich bezeichneten „Jammergruppen“ gar nichts mehr gemein haben.

Junge und ältere Menschen finden dort gleichermaßen Anschluss, erhalten wertvolle Informationen sowie Tipps und Hilfen für den Alltag. Die Teilnahme ist zudem kostenlos und in der Regel finden Amputierte schnell eine Gruppe in ihrer Nähe. 

Wie hat die Amputation dein Leben verändert?

Die Amputation beeinflusste mich sehr stark in meinem beruflichen Werdegang, denn erst dadurch bin ich zu meinem Job gekommen. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Sporttherapeutin und Gehschultrainerin kann ich Amputierten nicht nur vermitteln wie sie richtig und sicher mit ihrer Prothese gehen, sondern vor allem, dass das überhaupt möglich ist. Ich zeige auf, was mit - bzw. durch die Prothese machbar ist und freue mich dabei immer wieder über die hohe Motivation, die ich auslöse. Generell habe ich die Möglichkeit, wertvolle Tipps rund um Amputation, Prothese und den Alltag mit Prothese an Patienten weiterzugeben – eine Aufgabe, die mich sehr erfüllt.

Welche Erfahrungen und Ratschläge möchtest du anderen Amputierten mit auf den Weg geben?

Ein paar Worte möchte ich anderen Amputierten bei dieser Gelegenheit gerne noch weitergeben. Gerade am Anfang fühlt sich vieles oft so schwer, kompliziert und aussichtslos an. In dieser Situation darf man den Kopf nicht hängen lassen, denn das ändert sich wieder! Der schlimmste Feind des eigenen Vorankommens ist die Angst! Oft muss man sich überwinden etwas zu versuchen und ist dann erstaunt, dass es ja doch geht (z. B. Straßenbahn fahren, mit nur einer Stütze statt mit zwei oder über eine Wiese gehen).

Je mehr Kraft und Mut man in die Bewältigung dieser neuen Lage investiert, desto leichter wird es – das erlebe ich täglich im Rahmen meiner Arbeit und ich habe es an mir selbst erlebt. Man kann über die neue Situation trauern, das ist normal. Aber all die Trauer macht den Verlust eines Körperteils nicht rückgängig. Betroffene sollten sich nicht fragen „warum ich?“, sondern lieber über Ziele nachdenken. „Wo möchte ich in einem Jahr sein, was möchte ich in dieser Zeit schaffen?“ Dieses Verfolgen und Erreichen von eigenen Zielen motiviert ungemein. Man muss sich bemühen, sich zusammenreißen, darf sich nicht gehen lassen und auch keine Ausreden finden für all das, was man vielleicht nicht auf Anhieb kann.

Eigentlich geht fast alles, was vorher auch ging, nur eben anfangs viel langsamer. Die Geduld für all das muss man aufbringen. Wichtig ist, dass man so viel wie möglich selber macht und versucht, immer ein bisschen aktiver zu werden, als man es noch am Vortag war. Das gebe ich an die Teilnehmer meiner Kurse weiter und ich möchte es auch den stolperstein-Lesern auf den Weg geben. Vielleicht kann ich hier und da ein bisschen Mut vermitteln, das würde mich sehr freuen. 

Vielen Dank Mandy!