Thomas ist seit seiner Geburt beidseitig beinamputiert. Als begeisterter Autofan dachte er zu keinem Zeitpunkt darüber nach, vielleicht nicht fahren zu können. Mit außergewöhnlichen individuellen Fähigkeiten, starkem Willen und Mut fährt er heute ein normales Automatikfahrzeug. Ein Einzelfall und eine erstaunliche Geschichte zugleich.

Thomas

* 1988

Mobilitätsklasse: 4

Amputationsart: Unterschenkel und Knieex

 

Erste Erfahrungen mit dem Fahren machte der passionierte Motorsportfan bereits im zarten Alter von zwölf Jahren – und zwar auf der Gokart-Bahn. Autos und Motorsport sind für Thomas schon von klein auf ein ganz besonderes Hobby und gewöhnliches Autofahren eine absolute Normalität. Mit seiner linken Unterschenkelprothese bedient er die Bremse, mit seiner rechten Beinprothese das Gas seines Automatikfahrzeugs.

Führerschein mit Prothese

Der Weg zum Führerschein war für mich zunächst mit kleineren und größeren Hürden verbunden. Der Fahrlehrer war anfangs skeptisch, trotzdem hat er mit mir einen Termin vereinbart und wollte mir auf jeden Fall eine Chance geben. Die Fahrschule ist auf die Ausbildung von Fahrern mit Handicap spezialisiert und auch mit einem Automatikfahrzeug ausgerüstet. Ich war allerdings der erste Fahrschüler, der beidseitig beinamputiert war. Das erste Treffen fand dann schließlich auf einem Parkplatz statt. Erste Tests wie z. B. eine Vollbremsung sowie Tests zu meiner Reaktionsfähigkeit überzeugten den Fahrlehrer schnell davon, dass ich durchaus in der Lage war, fahren zu lernen. Anschließend wurde ein Termin mit dem TÜV vereinbart, um ein technisches Gutachten erstellen zu lassen. Zwischenzeitlich gab die Fahrschule mir die Möglichkeit, mich innerhalb von fünf weiteren Fahrstunden an den Straßenverkehr sowie an das Auto zu gewöhnen. 

Das technische Gutachten – kein einfaches Unterfangen

Ich bestreite meinen Alltag wie jeder andere Mensch auch. Mein Motto lautet: Man kann alles schaffen – nur kopflose Menschen können nichts! Ich fühle mich nie „behindert“ und nehme immer wieder neue Ziele in Angriff. Meine Unternehmungslust hat in meiner Kindheit vermutlich schon für so manch graues Haar meiner Eltern gesorgt.

Auch auf dem Weg zur technischen Prüfung für die Erstellung des Gutachtens war ich hoch motiviert und voller Elan. Was sollte schon schiefgehen? Ich hatte ja mit meinem Fahrlehrer im Vorfeld erfolgreich geübt. Doch was mich dann erwartete, lässt sich nur mit dem Begriff der „Engstirnigkeit“ vergleichen. Ohne auch nur in den Wagen einzusteigen, entschied der TÜV-Prüfer, dass ich „in diesem Zustand“ auf keinen Fall Auto fahren dürfe, es sei denn, ein Umbau auf Handgas käme für mich in Frage. Sämtliche Überzeugungsversuche seitens des Fahrlehrers und von mir selbst schlugen fehl und ich verließ äußerst geknickt das Prüfinstitut – ohne Gutachten. Ein herber Schlag der Bürokratie, der einen großen Traum zunächst zerplatzen ließ. Ich konnte diese kurzsichtige Entscheidung aber nicht einfach akzeptieren und wandte mich umgehend an den Chefredakteur des Magazins HANDICAP, Herrn Gunther Belitz, selbst beinamputiert.

Ich schilderte ihm mein Anliegen und bekam den Tipp, mich an einen Experten des TÜV Nord zu wenden. Sofort vereinbarte ich dort einen Termin. Ebenfalls zunächst skeptisch, wie ich zusätzlich das Kupplungspedal bedienen wolle, klärte ich ihn auf, dass die Beschränkung auf ein Automatikfahrzeug für mich völlig akzeptabel sei. Nach einigen Tests u.a. hinsichtlich Bremskraft und Reaktionsfähigkeit in einem extra umgebauten Simulationsfahrzeug, stellte mir der Prüfer das Gutachten mit einigen Auflagen wie z.B. „Tragen der Prothesen erforderlich“ aus. Jetzt stand mir - außer der regulären Führerscheinprüfung - nichts mehr im Weg, ein normales Automatik-Fahrzeug ohne behindertengerechtem Umbau zu führen! Ich bin Herrn Belitz von der Zeitschrift HANDICAP heute noch unendlich dankbar, dass er mir diesen Tipp damals gegeben hat. Ohne diesen Hinweis hätte ich das Gutachten sicher nicht bekommen und es war mir extrem wichtig, Auto fahren zu dürfen. Auch mit Prothese habe ich die nötige Kraft, um beispielsweise eine Gefahrenbremsung auszuführen. Auf Grund meiner langjährigen Prothesen-Erfahrung fühle ich dabei genau wo sich mein Prothesenfuß auf dem Pedal befindet. Nur deshalb habe ich das technische Gutachten bekommen.

Für den Fall, dass ich von der Polizei gestoppt werde, muss ich zusätzlich zu meinem Führerschein auch noch ein Beiblatt mitführen. Es gibt genaue Auskunft darüber, welches Handicap ich habe und welche Fahrzeuge ich führen darf. Viele Leute können es manchmal gar nicht glauben, dass ich zwei Beinprothesen trage und trotzdem so gut fahren kann. Bei einem Fahrsicherheitstraining des ADAC staunte der Trainer am Ende nicht schlecht, als ich ihm auf seine Frage warum ich etwas hinke, meine zwei Prothesen offenbarte! Ich fahre täglich rund 40 km mit dem Auto zur Arbeit und bin auch in meiner Freizeit viel als Fahrer unterwegs. Selbst lange Strecken in den Urlaub (600 km und mehr) sind für mich kein Problem. Mein Auto ist mit einem Tempomat ausgestattet, dadurch kann ich mein Bein zwischendurch auch etwas entlasten. Im Großen und Ganzen ist das Autofahren für mich wahrscheinlich nicht anstrengender als für Menschen ohne Amputation.

Nach nunmehr über 10 Jahren unfallfreien Fahrens habe ich denke ich bewiesen, dass ich das Gutachten nicht ohne Grund erhielt und jedes Fahrzeug problemlos und sicher führen kann. 

Ich möchte allen gehandicapten Menschen an dieser Stelle mitgeben, wirklich niemals aufzugeben und sich nicht von ersten Hürden demotivieren zu lassen!
Denkt an mein Motto: Man kann alles schaffen – nur Kopflose können nichts!

Dieser Spruch, den mir mein behandelnder Arzt mit auf den Weg gegeben hat, begleitet mich durch mein Leben und gibt mir immer wieder Kraft. Ich hoffe meine Erfahrungen können anderen Menschen mit gleichem Schicksal Mut machen.