Unabhängigkeit ist für Manfred ein besonders hohes Gut. Das Leben begreift er als Geschenk. Wer dem gebürtigen Österreicher zuhört, erlebt ihn als kernig, diszipliniert, lebensfroh und unerschrocken. Er ist eben einer, der sich viel abverlangt. Einer, der Strenge als Führungseigenschaft versteht. Mit dieser Einstellung hat er seit mehr als einem halben Jahrhundert sehr erfolgreich Pferde trainiert und Reiter im anspruchsvollen Dressur- und Springsport ausgebildet. Wenn der gelernte Pferdewirtschaftsmeister vom Reitsport spricht, spürt man die Emotion. Vielleicht gibt es nur noch ein einziges weiteres Thema, das Manfred ähnlich bewegt. Es sind die Ereignisse im Hochsommer 2012: Damals verlor der sportbegeisterte Manfred zuerst den Fuß, dann wurde ihm das Bein oberhalb des Knies amputiert.

Manfred Grohs

*1939

Mobilitätsklasse: 2

Amputationsart: Oberschenkel 

 

Den 20. Juli 2012 werde ich nie vergessen!

Ich habe mich entschlossen, über meine Geschichte zu sprechen, weil sie mich letztlich noch stärker gemacht hat und – so paradox dies klingen mag – von Zuversicht und Zukunftsfreude erzählt.

Nach einem anstrengenden Tag wollte ich mich bei einem Reitturnier nur ein paar Minuten ausruhen. Als ich wieder aufstehen wollte, spürte ich nur noch Schmerz. Ich konnte nicht mehr gehen, keinen Meter mehr. Die Schmerzen waren unerträglich.

Meine Frau stütze mich bis zum Auto. Im sechs Kilometer vom Turnierplatz entfernten Wohnwagen hat meine Frau dann versucht mir mit Massagen zu helfen. Vergebens. Anschließend alarmierten wir den Rettungswagen. Die Sanitäter nahmen vorweg, was der Chefarzt der nahen Klinik nach aufwändigen Untersuchungen später diagnostizierte: „Es ist ein Verschluss!“

Danach blieb ich neun Tage in der Klinik und wurde in dieser Zeit fünfmal operiert. Die Chirurgen entnahmen aus dem Arm eine Vene und legten damit einen Bypass am Bein. Sie versuchten meinen Fuß zu retten und scheiterten. Als ich nach dem Operationsmarathon zu mir kam, war der Fuß amputiert. Das war ein Zeitpunkt, an dem die Welt für mich nur noch grau war. Ich konnte noch gar nicht begreifen, was mir in diesen wenigen Tagen wiederfahren ist und wie sich jetzt mein Leben weiterentwickeln würde.

Hilflosigkeit – und die nächste Schreckensnachricht kam erst noch 

Ich habe damals zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Hilflosigkeit gespürt. Ich bin sehr dankbar für den Beistand, den ich zu diesem Zeitpunkt vor allem von meiner Frau erfuhr. Sie war immer bei mir. Das war sehr wichtig für mich. Sie eilte jeden Tag, neben ihrem anstrengenden Beruf als Juristin, 160 Kilometer zu mir ins Krankenhaus. Sie war einfach da, wir haben geredet, Angst vertrieben, Zuversicht aufgebaut. Keine einfache Sache. Dabei hatte mich zu diesem Zeitpunkt die einschneidendste Nachricht noch gar nicht erreicht.

Das geschah dann nach meiner Verlegung in das Krankenhaus von Bayreuth. Ich erfuhr, dass auch Unterschenkel und Knie nicht zu retten waren. Am 6. August wurde operiert. Drei Wochen lag ich im Krankenhaus. Eine Menge Zeit für Gedanken und Bilder der Vergangenheit!

Ich als „Bewegungsmensch“, der mit drei Jahren schon auf den Skiern stand, in den österreichischen Nachwuchskader aufgenommen wurde, zuerst Tischtennis, dann 20 Jahre Handball gespielt hat und einfach die sportliche Herausforderung, die Aktivität brauchte, konnte mich zu diesem Zeitpunkt nur mit Hilfe anderer fortbewegen. Ich war auf Gehhilfen und den Rollstuhl angewiesen.

Der Blick nach vorn – auf meine Weise 

Ich lebe, ich bin ein wertvoller Mensch und will mich auf das freuen, was ich in Zukunft noch machen kann und nicht dem hinterher trauern, was ich nicht mehr machen kann. Ich kann jede Hürde nehmen – auch mit Prothese.

Diese Erkenntnis half mir bei der Genesung. Der Wille, mein Leben nicht aus der Hand zu geben und mich von den Folgen der Amputation nicht beherrschen zu lassen, bestimmten mein Handeln. Ich habe natürlich gesehen, dass ich kein Einzelschicksal bin. Manche meiner Mitpatienten hat es schlimmer erwischt. Die meisten trafen sich regelmäßig außerhalb der Krankenzimmer zum Austausch. Ich habe diese Runden gemieden. Ich habe gespürt, dass die Konzentration auf die Amputation mich behindert, wieder selbstständig zu werden. Ich brauchte meine Kraft, um möglichst schnell auf einem gesunden und einem künstlichen Bein wieder an einem ausgefüllten Leben teilzunehmen. Keinesfalls wollte ich ein Klagelied anstimmen.

Ich lehnte auch alle Angebote für psychologische Gespräche zur mentalen Unterstützung ab. Ich wusste ja noch gar nicht wohin meine Entwicklung geht. In erster Linie wollte ich körperlich gesund werden. Wieder gehen können, Auto fahren und bei meinen Pferden sein. Und da stand ich ja noch ganz am Anfang.

Mit der ersten Prothese kam auch das Selbstvertrauen zurück

Im Zuge der Reha-Maßnahmen wurde mir die erste Prothese angepasst. Ein wundervoller Moment, denn das brachte mich meinem Herzenswunsch ein deutliches Stück näher.

Natürlich habe ich mich in diesen Wochen gequält, hatte dunkle Stunden erlebt, gezweifelt und gehadert. Ich hatte Schmerzen ertragen und auch Enttäuschungen. Aber dank der therapeutischen Unterstützung erreichte ich zur Überraschung von Ärzten, Freunden und auch meiner Ehefrau sehr schnell das selbst gesteckte Ziel.

Die Gehübungen in der Reha verliefen so vielversprechend, dass mir bald eine neuartige weitere Prothese angepasst wurde, die mittels einer innovativen Elektronik die Beugebewegung des Knies beim Gehen unterstützt und auf diese Weise einen natürlichen Bewegungsablauf ermöglicht. Für mich ist das ein großes Geschenk. Ich habe einen fantastischen Orthopädietechniker-Meister. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch gewesen. Er hat bei der Anpassung der Prothese herausragende Arbeit geleistet und mir in Verbindung mit der neuesten Technik ein normales Leben ermöglicht.

Mit der neu erworbenen Bewegungsfreiheit stieg auch das Selbstvertrauen. Ich lernte schnell, mich in unserem erst im März 2012 – also wenige Monate vor der Amputation –  erworbenen Haus zurechtzufinden. Das war eine weitere Fügung. Wir hatten ein solches Glück, vor der Operation das Haus zu finden. Alles ist eben, wir mussten nur für den Rollstuhl ein paar kleine Schwellen ausgleichen.

Zurück in den Alltag –  dabei auch mal über das Ziel hinausgeschossen

Ich trainiere täglich und nehme zweimal wöchentlich an der Physiotherapie teil. Das stärkt die Muskeln und hält beweglich. Den Stumpf des rechten Beines pflege ich sorgfältig mit Pflegemitteln. Ich achte darauf, dass die Haut am Schaftrand nicht gereizt wird und beuge mit entsprechenden Pflegemitteln aus dem Sanitätsfachhandel vor. Vor Phantomschmerzen bin ich weitgehend bewahrt geblieben. Nur manchmal juckt es an der rechten Hacke, die es ja nun nicht mehr gibt.

Um die Nähe zu meinen geliebten Pferden auch tatsächlich wieder zu gewinnen, schafften wir uns ein Auto an und ließen es umbauen. Gaspedal von rechts nach links – fertig. Ich war sehr motiviert– vielleicht ein wenig zu viel des Guten. Nur 14 Tage nach Erhalt des neuen Autos und gut drei Monate nach der Operation düste ich mit nur wenig Übung, die ich mir unter anderem auf dem Reitgelände eines Freundes aneignete, zu meiner ersten Reitabzeichen-Abnahme: 120 Kilometer eine Tour, überwiegend Landstraße. Bei der Hinfahrt geht alles gut. Erst nach Turnierende, unmittelbar bei der Ausfahrt aus dem Gelände, passierte es. Einmal nicht aufgepasst, kam ich mit der Pedalerie durcheinander und schoss quer über die Straße in einen Crash. 7000 Euro Schaden. Tja, das nenne ich Begleitschäden auf dem Weg zurück in die Normalität!

Inzwischen bin ich sicher geworden. Mit meinem Auto, im Alltag, im Leben. Ich kann nicht mehr auf’s Pferd. Das ist aber auch alles. 

Sonst hat sich nicht viel verändert. Ich bin dankbar, dass ich überall Unterstützung gefunden habe, dass ich mit Freunden offen reden kann, dass ich meine drei Spring- und ein Dressurpferd täglich selbst versorgen kann, dass ich nahezu jede Woche von Mittwoch bis Sonntag in Sachen Pferdesport als Juror unterwegs sein und mit meiner Frau reisen kann. Ehrlich gesagt fühle ich mich gar nicht behindert, nur etwas eingeschränkt. Die Unabhängigkeit ist für mich ein besonders großes Gut. Manchmal gehört dazu auch eine neue Einstellung zum Leben.

Das Leben hört mit einer Prothese nicht auf, es ist nur ein wenig anders spannend!