Tino liebt das Cruisen durch die Berge. Nach seiner Karriere als Bundeswehrsoldat und Leistungssportler ist er jetzt als Bike-Guide unterwegs. 

Tino Käßner

* 1974

Mobilitätsklasse: 4

Amputationsart: Unterschenkel

Prothese Cheetah Xplore

 

Was war geschehen? 

Im Jahr 2000 begann ich bei der Bundeswehr zu arbeiten. Da die wirtschaftliche Situation in meiner Heimat mich nicht optimistisch stimmte, habe ich in diesem Beruf als Soldat eine Zukunft gesehen. Nach meiner Ausbildung zum Feldjäger, Fallschirmspringer und Personenschützer wurde ich im Sommer 2004 zum Berufssoldaten ernannt. 2005 flog ich zu meinem dritten Einsatz nach Afghanistan. Auf einer Patrouille wurden meine Kameraden und ich Opfer eines Selbstmord-Attentäters. Es gab Tote und Verletzte. Ich erlebte alles bei vollem Bewusstsein.

Später musste mein rechter Unterschenkel amputiert werden. Dass etwas mit meinen Beinen passieren könnte, war das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte, denn ich war sportlich sehr aktiv. Das wusste auch meine Frau. Als ich nach sechs Tagen und ohne rechten Unterschenkel aus dem Koma erwachte, sagte ich mir: „Jetzt ist es so. Machen wir das Beste draus.“ Bis heute ist es mir aber nicht ganz klar, wie es mir gelang, mein Schicksal so pragmatisch und positiv anzunehmen.

Über das Geschehene haben meine Frau und ich das Buch „Wofür wir kämpfen“ geschrieben. Ich bin aus dem aktiven Dienst der Bundeswehr als Pensionär entlassen worden und bin mit meiner Familie im neuen Leben angekommen. Ich nehme mein Schicksal an und mache das Beste daraus. Das ist die einzige Empfehlung, die ich allen Menschen mit Handicap geben kann. Behinderung ist nur ein Wort. Was passiert ist, kann niemand rückgängig machen. Schau nach vorn!

Ich probiere gerne verschiedene Sachen aus und verstecke meine Prothese nicht. Ich denke, wer seine Behinderung offen zeigt, geht auch offen damit um. Meine Tochter kennt mich nur mit dem „Roboter-Bein“, wie die Kinder im Kindergarten oft gesagt haben. Wenn Kinder wissen wollen, was ich da habe, erkläre ich wie eine Prothese funktioniert. Kurze Hosen sind für mich kein Problem, dann kommen auch neue Füße viel besser zur Geltung und davon habe ich einige. Zum Beispiel einen gemütlichen „Haus-Fuß“ aus Karbon mit einer Art Gummilage, die eingelassen ist. Er ist sehr leicht, extrem flexibel und hat dadurch ein sehr harmonisches Abrollverhalten.Fürs Kajakfahren oder Bouldern und auf Rad- oder Skitouren brauche ich allerdings handfestes Material. Joggen ist so ziemlich das einzige, was ich mir nicht zutraue. Mal eine Runde mit dem Hund gehen, das schaffe ich. Aber Marathon-Distanzen lege ich lieber auf dem Rad zurück.

 

Radfahren – meine große Leidenschaft

Zwei Jahre nach der Rehabilitationszeit stieg ich wieder auf mein Rad. Das war 2007. Bis 2012 war ich als Leistungssportler Mitglied der Deutschen Paracycling Nationalmannschaft. 2008 wurde ich Deutscher Meister im 1000 Meter Bahnsprint. 2011 nahm ich an den Bahn-Weltmeisterschaften im italienischen Montichiari teil. Die Qualifikation zu den Paralympics 2012 habe ich aber knapp verpasst und dann auch mit dem Leistungssport aufgehört. Aktiv bin ich jetzt immer noch, allerdings habe ich das Rennrad gegen das Mountainbike getauscht.

2015 habe ich sogar zusammen mit meinem Freund das härteste Mountainbike-Rennen der Welt, das „Cape Epic“ absolviert. Das waren anstrengende 800 Kilometer und 16.000 Höhenmeter rund um Kapstadt.

Ich habe versucht, mich nicht von der Anfangshektik des Rennens oder unkontrolliertem Fahren anstecken zu lassen, sondern mein Tempo zu halten. So hat es dann auch geklappt. Wenn auf schwerer Strecke jemand plötzlich vor mir stehen blieb, lies ich mich langsam in den Sand fallen. Weil ich nicht so schnell aus dem Click heraus komme, war das sicherer. Wenn ich mich ruckartig bewegen muss, könnte ich durch die Drehbewegung aus dem Schaft rutschen, weil sich so viel Schweiß angesammelt hat. Ich fahre ohne Vakuum mit einem Click-Schaft. Das wäre mir sonst zu fest ums Knie. Der Liner hat acht Etappen lang gehalten, der Fahrradschlauch nicht. Wenn du dann über den Zielstrich rollst, ist das Gefühl unbeschreiblich. Du hast es geschafft!

Als nächstes reizt mich der STONEMAN-Trail. Auf einer Strecke von 115 Kilometern und 4.000 Höhenmetern sind fünf Kontrollpunkte zu erreichen. Wer es an einem Tag schafft, bekommt die goldene Trophäe, nach zwei Tagen gibt’s Silber, nach drei Tagen Bronze. Mein Ziel ist es, alle Etappen an einem Tag meistern.

Fahrradfahren ist und bleibt einfach meine große Leidenschaft. Ich biete als Bikeguide auch geführte Radtouren an. Dabei freue ich mich auf jeden, egal ob Genussradler oder sportliche Biker. Sogar Gäste mit E-Bikes habe ich schon begleitet. Wenn’s steil wird, fahren sie mir davon. Trotzdem empfehle ich, sorgsam zu prüfen, ob ein E-Bike das richtige Fahrzeug ist. Die Geschwindigkeit wird für einige problematisch und das Bremsen zum Glücksspiel, was es nicht sein darf.


(Weitere Informationen über Tino und sein Angebot als Bikeguide findest du hier: (http://www.tinokaessner-bikeguide.de/)