Natürlich kann eine Prothese ein gesundes Bein nicht ersetzen. Aber die moderne Prothetik kann dir helfen, Einschränkungen auf das individuell mögliche Mindestmaß zu reduzieren und ein aktives, mobiles Leben zu führen. Egal ob schwach oder stark, körperlich inaktiv oder hochleistungsorientiert: Heute ermöglichen modernste, innovative Technologien, Formen und Verarbeitungstechniken eine optimale Versorgung, die sowohl deinen individuellen Ansprüchen als auch deinen medizinischen Anforderungen gerecht wird. 

Der Aufbau einer Prothese

Eine Beinprothese ist in der Regel modular aufgebaut, um die Beweglichkeit und Funktionalität des Beins zu imitieren. Außerdem ist dieses Konstruktionsprinzip flexibel: So können die einzelnen Komponenten perfekt auf dich und deinen Mobilitätsgrad abgestimmt und immer wieder angepasst werden.

Eine Beinprothese besteht in der Regel aus einem Liner mit Anschluss-System, einem Schaft sowie ggf. einem Knie und einem Fuß. Über die Kosmetik wird schließlich die Optik der Gliedmaßen möglichst naturgetreu nachgebildet.


Silikonliner

Der Unter- oder Oberschenkel-Liner wird wie eine zweite Haut über den Stumpf gezogen. Über ein sogenanntes Anschluss-System stellt er die Verbindung zwischen Stumpf und Schaft her. Dabei muss er zwei wesentliche Funktionen erfüllen: Einerseits soll er zuverlässigen Halt des Schaftes gewährleisten und andererseits Schutz und Komfort bieten. Sprich: Er soll die Belastung gleichmäßig auf den Stumpf verteilen, ihn polstern und so vor Druckstellen und Überlastung bewahren. Dies ist insbesondere für Diabetiker oder Menschen mit Gefäßerkrankungen enorm wichtig.

Die Auswahl des richtigen Liners ist für eine perfekt sitzende Prothese entscheidend. Er bietet die Möglichkeit verschiedener Anschluss-Systeme und perfekten Halt. Außerdem schaffen die Materialeigenschaften des Silikons einen hohen Tragekomfort. Silikonliner gibt es für alle Mobilitätsklassen in verschiedenen Varianten – je nach Bedarf und Mobilitätsgrad mit und ohne Texturüberzug. Liner müssen regelmäßig geprüft und ggf. ausgetauscht werden.

liner

Die Vorteile von Silikon:
  • Das Material ist hochelastisch.
  • Durch diese hohe Dehnfähigkeit passt sich der Liner wie eine zweite Haut dem Stumpf an und sorgt für einen sicheren Sitz deines Schaftes.
  • Der Silikonliner reduziert die Rotation im Schaft und reduziert Scherkräfte.
  • Gleichzeitig gewährleistet die Dehnfähigkeit einen großen Bewegungsspielraum.
  • Unterschiedliche Materialeigenschaften von weich bis steif ermöglichen eine optimale Polsterung des Stumpfes und eine verbesserte Druckverteilung.
  • Aktive Inhaltsstoffe erhalten die Feuchtigkeit und Geschmeidigkeit der Haut.
  • Medizinisches Silikon ist sehr hautverträglich.
  • Das Material ist reißfest, haltbar und mit einer ph-neutralen Seife leicht zu pflegen.

prosthetic liner example

Der Iceross-Silikonliner von Össur war der erste seiner Art. Heute stehen eine umfangreiche Auswahl weicher und sicherer Silikonliner mit verschiedenen Eigenschaften zur Verfügung.


Prothesenschaft

Ein passender Schaft ist nicht nur für deine Rehabilitation enorm wichtig. Je besser er dir passt, desto weniger wirst du deine Prothese als Fremdkörper empfinden. Und desto angenehmer wird es sein, sie zu tragen. Außerdem verbessert eine perfekte Passform die Kontrolle über deine Prothese und trägt so zur Sicherheit bei. Um das zu erreichen, wird der Schaft immer individuell angefertigt.

Da sich die Form deines Stumpfes vor allem in der ersten Zeit nach der Operation stark verändert, ist der erste Schaft immer temporär. Nach ca. sechs Monaten stabilisiert sich die Form des Stumpfes. Nach einer prothetischen Früh- und Interimsversorgung ist dies der Zeitpunkt, zu dem der „endgültige“ Schaft für deine Prothese angefertigt wird.

Und dennoch: Du wirst zeitlebens immer wieder einen neuen Schaft anfertigen lassen müssen. Die Abstände variieren – abhängig von deinen individuellen Lebensumständen – zwischen wenigen Monaten bis hin zu mehreren Jahren. Fakt ist: Du solltest großen Wert darauf legen, dass dein Schaft korrekt und bequem sitzt.

Es gibt verschiedene Techniken zur individuellen Schaftgestaltung – dein Orthopädietechniker wird dich beraten. 


Kniegelenke

prosthetic knees examples

Das physiologische Knie zählt zu den komplexesten Gelenken des menschlichen Körpers. Mit Hilfe der umliegenden Bänder, Sehnen und Muskeln sorgt es dafür, dass wir das Bein im Kniegelenk strecken und beugen können. Dabei knickt es nicht einfach ab wie ein Scharnier, sondern streckt sich in einer rollenden und gleitenden Bewegung nach vorn, kann sich bis zu 150 Grad nach hinten beugen und lässt auch leichte seitliche Ausgleichsbewegungen zu. Ein prothetisches Knie muss diese Funktionen nach einer Oberschenkelamputation übernehmen. Es wurde entwickelt, um die beiden Schlüsselphasen des natürlichen Gangs nachzuahmen:

  • die Schwungphase, in der wir das Knie in der Vorwärtsbewegung beugen und wieder strecken
  • und die Standphase, in der wir das Gewicht wieder auf das Knie übertragen.

Sprich: Das Prothesenknie muss einerseits für Beweglichkeit sorgen – und gleichzeitig für Stabilität und Sicherheit. Während einige Menschen ein Prothesenknie bevorzugen, das sich verriegeln lässt und sich somit sicherer anfühlt, setzen andere auf ein dynamisches Knie, welches sich natürlicher bewegt.
Welches Prothesenknie für dich geeignet ist, wirst du gemeinsam mit deinem Orthopädietechniker herausfinden. Wie bei allen anderen Komponenten sind auch hier Amputationshöhe, Mobilitätsgrad sowie dein Sicherheitsbedürfnis entscheidend.

Das innovative Rheo Knee XC von Össur vereint Sicherheit und Geschwindigkeit. Es ist mikroprozessorgesteuert. Der Vorteil: Es lernt, wie du dich bewegst, erkennt deine Position und unterstützt dich, das zu tun, was du möchtest. Es hilft dir, nach der Amputation das Gleichgewicht zu halten oder bei den ersten Steh- und Gehversuchen. Spezielle Funktionen erlauben dir sogar das alternierende Treppensteigen und Radfahren. Auch blitzschnelle Reaktionen sind möglich. Es ermöglicht dir, rückwärts zu gehen. Darüber hinaus sorgt ein Flexionswiderstand dafür, dass du dich problemlos und sicher hinsetzen oder hinknien kannst. Sogar Hindernisse lassen sich sicher überwinden.


Füße

prothetic feet example

Statistisch betrachtet tragen uns unsere Füße im Lauf unseres Lebens dreimal um die Erde. Tagein, tagaus sind sie gefordert. Der Prothesenfuß muss die Eigenschaften des physiologischen Fußes ersetzen. Er soll dafür sorgen, dass wir so natürlich wie möglich laufen, die Kraft optimal übertragen wird und harte Stöße abgefedert werden. Um den für dich perfekten Fuß zu finden, sind auch hier wieder Mobilitätsgrad, die Länge des Stumpfes, die körperliche Fitness und deine künftigen Ziele entscheidend. Dein Orthopädietechniker wird berücksichtigen, ob für dich Sicherheit und Stabilität oder Dynamik Priorität haben. Generell wichtig ist: Der Fuß sollte eine gute Energierückgabe haben, damit das Gehen nicht ermüdend wird und deine erhaltene Seite entlastet wird.

Grundsätzlich unterscheidet man Elastomerfüße und Karbonfüße bzw. Karbonfederfüße. Ein Elastomerfuß ist bequem für gering aktive Anwender. Dahingegen gibt ein Karbon(feder)fuß die aus dem Auftritt gespeicherte Energie zurück und ermöglicht ein dynamisches Abrollen des Fußes bei hoher Energieeffizienz.

Die „Pro-Flex“-Fußfamilie von Össur für die Mobilitätsgrade zwei bis vier sorgt dank der Karbonfedern für eine gute Dynamik. Eine Drei-Feder-Technologie verbindet eine gute vertikale Stoßdämpfung mit einer kraftvollen Energierückgabe. Der Fuß ermöglicht eine längere Standphase und ein sanftes Abrollen, was die Belastung der gesunden Seite verringert. Bei Bedarf hilft der ProFlex Torsion dank seines Torsions-Moduls die Rotationsbewegung wiederherzustellen und absorbiert Dreh- und Aufprallkräfte. Einseitige Druckbelastungen und Scherkräfte im Schaft werden verringert und das Risiko von Gelenkschäden reduziert.


Kosmetik

Für eine Beinprothese sind nicht nur Passform, Funktionalität, Halt und Tragekomfort wichtig. Natürlich spielt auch das Erscheinungsbild eine wichtige Rolle. Über die Kosmetik wird die Optik der Gliedmaßen möglichst naturgetreu nachgebildet. Hier unterscheidet man zwischen Standardlösungen und Maßanfertigungen. Eine Schaumstoffkosmetik wird in Verbindung mit einem Überziehstrumpf getragen. Sie werden meistens von den Krankenkassen übernommen. Silikon-Schutzüberzüge bieten über die optische Nachbildung von Venen, Haaren, Sommersprossen bis hin zum Tattoo zahlreiche Möglichkeiten. Sie hingegen werden nur selten von den Krankenkassen übernommen.


Die perfekte Kombination

Jeder Mensch ist individuell und empfindet anders. Der Aufbau der optimalen Prothese hängt grundsätzlich von deinem persönlichen Profil und Mobilitätsgrad ab. Dabei spielen viele Aspekte eine Rolle wie deine körperliche Konstitution, deine Amputationshöhe, dein Freizeitverhalten oder Lebensumfeld. Der Orthopädietechniker kennt deine individuellen Voraussetzungen und die technischen Möglichkeiten der Prothesenpassteile. So kann er beides bestmöglich kombinieren.